Die Situation ist mir auch vertraut. Nach dem Abi hatte ich keinen wirklich konkreten Plan, weil es keinen Beruf gab (und auch immer noch nicht gibt), der mich umhaut und absoluter “Traumberuf” ist. Klar, das Zeichnen hat mir Spaß gemacht, aber ich konnte auch realistisch einschätzen, dass ich 1. nicht gut genug war und 2. viiiiiel zu langsam. Zudem kommt dann auch noch die schlechten Berufschancen, nachdem man irgendwas Richtung Design und Kunst studiert hat. (Ein Freund war 3 Jahre lang nach dem Studium arbeitslos, weil alle Firmen lieber Praktika vergeben haben, weil sie da jemanden Vollzeit für sich knechten lassen können, aber nur 400€ pro Monat blechen brauchen.)
Also habe ich mich für ein Biostudium entschieden, weil ich zumindest Genetik damals im Bio LK ganz spannend fand. Tja, mit dem 2,5 Schnitt wurde ich natürlich nicht auf Anhieb genommen und die Eltern haben Panik geschoben und Druck gemacht. Bin dann ganz kurzfristig noch in eine BTA Ausbildung an einer Privatschule reingerutscht. Meine Mutter hat lieber 6.000€ für 2 Jahre gezahlt, als dass ich nach der Schule ein Jahr lang arbeitslos rumgammel. 4 Wochen später kam dann die Zusage fürs Studium im Nachrückverfahren. Da hatte ich aber schon die erste Prüfung in der Schule absolviert und hatte auch Spaß an der Sache. Außerdem ist eine abgeschlossene Ausbildung sicher keine verkehrte Sache, da man ja vorher nie weiß, wie man sich im Studium schlägt und ob man das Pensum überhaupt packt. Dennoch war für mich klar, dass hinterher trotzdem studiert wird. Wie jeder Schulabgänger dachte ich mir halt Studim = fett Kohle. So mindestens 'nen Tausender mehr pro Monat klingt doch ganz nett. Die Ausbildung habe ich aber auf keinen Fall bereut und sie hat mir sogar wahnsinnig fürs Studium geholfen. Was die praktischen Kurse anging, hatte ich meinen Mitstudenten einen enormen Vorteil. Das merke ich jetzt im Master sogar immer noch, weil es Leute gibt, die sind schon mit dem Umgang mit der Pipette leicht überfordert.
Bis zum Bachelorabschluss war auch alles in Ordnung und auch das 1. und 2. Master-Semester waren noch ok. Doch dann wurde so langsam klar, wie es nach dem Studium tatsächlich aussieht. Im Normalfall macht man hinterher noch seinen Doktortitel, aber sobald du den in der Tasche hast, bist du quasi raus aus dem Labor und es geht ab an den Schreibtisch: Anträge schreiben, wenn du an der Uni bist Studenten unterrichten, die Ergebnisse, die deine BTAs und Studenten im Labor produzieren, zusammenfassen und als wissenschaftlichen Artikel formulieren und hoffen, dass irgendein hochangesehenes Magazin aus deinem Fachbereich (am besten natürlich die Nature) den Artikel annimmt und druckt. Es geht nur noch darum, dass man möglichst viel veröffentlicht und Punkte sammelt. Die Arbeit machen aber meist die untergeordneten Mitarbeiter. Ich sehe die Postdocs bei mir in der Arbeitsgruppe kaum im Labor. Doktoranden sitzen auch mind. 50% ihrer Zeit im Büro. Mir kommt’s jedes Mal hoch, wenn unser Prof in der wöchentlichen Laborbesprechung von Veröffentlichungen und deren “Impact-Factor” spricht. (Je nachdem in welchem Magazin du veröffentlichst, gibt es Punkte. Die meisten guten Magazine bringen 4-5 Punkte evt. auch mal 10, eine Veröffentlichung in der Nature ca. 40.) Und ich will nicht einfach nur ein “Punktekonto” sein. Ich merke auch, dass mir das Schreiben einfach keinen Spaß macht, wenn immer Protokolle oder ähnliches ansteht. Ich bin viel lieber im Labor und pipettiere, selbst wenn es - wie aktuell- monatelang PCRs sind.
Diese Realisation hat mich so sehr getroffen, dass ich quasi das gesamte Wintersemester vergeudet habe. Ich saß von September bis Mitte Januar zuhause in meinem Bett und habe nichts gemacht, außer mich im Internet rumzutreiben. Ich hatte für nichts den Antrieb. Irgendwann wurde dann der Druck meiner Eltern so groß, dass ich mich aus Angst gezwungen habe, mir endlich eine Arbeitsgruppe zu suchen, bei der ich meine Masterarbeit absolvieren kann. Seit Mitte Februar bin ich jetzt wieder an der Uni im Labor. Denn das Studium jetzt so kurz vorm Abschluss abzubrechen, wäre einfach extrem dumm. Also kämpfe ich mich jetzt durch die letzten Meter durch. Trotzdem wird mir jeden Tag bewusst, dass das Studium die falsche Wahl war.
Ich hätte wohl wirklich auf meinen Vater hören und nach der Ausbildung arbeiten gehen sollen. (Auch wenn er mich eher loswerden wollte, lol.) Aber damals fühlte ich mich nicht bereit den Schritt in die Arbeitswelt zu machen. Das tu ich nicht mal jetzt. Aber ich denke, wenn ich den Sprung ins kalte Wasser damals einfach gewagt hätte, wäre ich heute glücklicher. Ich merke einfach, dass ich nicht der Typ Mensch bin, der Erfüllung in seiner Arbeit/Karriere findet. Mit 15 hab ich noch gedacht “Joar, Kinder will ich schon, aber Hausfrau und Mutter sein, ist doch langweilig. Ich will auch Geld verdienen!”. Mittlerweile finde ich den Gedanken nur Hausfrau und Mutter zu sein jedoch viel angenehmer und wünsche mir nichts sehnlicher. (Wobei ich gleichzeitig aber auch den Gedanken scheiße finde, von 'nem Kerl und seinem Geld abhängig zu sein.) Ich wollte mit 25 immer mein erstes Kind haben und jetzt mache ich meinen Abschluss erst mit 28. Danach gleich schwanger zu werden, ohne irgendwelche finanzielle Grundlage, wäre ziemlich verantwortungslos. Also wird’s wohl erst mit 30+ was, wenn ich überhaupt den richtigen Partner dazu habe. (Wobei das ist nicht mal ein Muss…) Wenn ich also mit 21 angefangen hätte zu arbeiten, dann hätte ich womöglich jetzt schon meine eigene kleine Familie und würde nicht mehr zuhause wohnen. Das ist natürlich nur ein Gedankenexperiment und ich habe keine Garantie, dass es wirklich so gelaufen wäre, aber trotzdem depremiert mich diese Erkenntnis extrem.
Naja, ich habe zumindest das Glück, dass ich nicht in eine komplett andere Fachrichtung will. Ich werde mich wohl auch trotzdem erstmal als Biologin bewerben und schauen, wie es so läuft, wenn ich dann mal eine Stelle finde. Vielleicht habe ich ja Glück und darf trotz meines Masterabschlusses viel im Labor arbeiten und muss nicht viel schreiben. Ansonsten versuche ich einfach mich auf BTA Stellen zu bewerben, auch wenn ich mir dann sicher oft anhören darf, dass ich überqualifiziert bin. Aber vielleicht kann ich dann ja im Bewerbungsgespräch deutlich machen, wieso ich lieber als TA arbeiten möchte. So schlecht bezahlt wird man da auch nicht, von daher wäre die Herunterstufung jetzt nicht so tragisch, solange ich nur für mich selbst sorgen muss. Wie das mit Kindern dann aussieht, wird sich herausstellen. Aber meine Eltern konnten mich und meinen Bruder auch mit ihrem Arbeitergehalt durchbringen, ohne dass es uns großartig an etwas fehlte.