nur mal einen kleinen medizinischen einwurf: wenn man eine kurzsichtigkeit nicht korrigiert, dann riskiert man migräne bis vollständige blindheit, weil das hirn ein auge abschaltet. das hat nullkommanull mit normen zu tun. zudem wird kurzsichtigkeit weder vererbt, noch durch “augensport”, also lesen im dunkeln erzeugt.
Hab was geedited. ;)
Ich bin jetzt komplett durch und wollt meinen Senf ma loswerden:
Das mit dem Hirnschrittmacher klingt gruseliger als es ist. Tatsächlich ist es garnicht so einfach, höhere Leistungsfähigkeit zu erreichen. Der “Hirnschrittmacher” gibt elektrische Impulse in eine Region ab, die AUSSCHLIESSLICH für Bewegung zuständig ist. Was genau der macht, warum es bei gewissen Krankheiten also funktioniert, verstehen wir nichtmal zur Hälfte. Um Leistungen gleich zentral zu steuern, müssten wir erstma wissen, WO und WIE diese entstehen, aber ganz ehrlich: wir haben null Ahnung. Der “Schrittmacher” ist eine rein experimentelle Behandlung im Rahmen von Studien an Riesenkliniken. Wir wissen nicht, WAS er macht, und dass es klappt, wissen wir nur dank Tierversuchen, sprich, wir regen einen Teil des Hirns an, der einigermaßen gleich mit dem von Ratten ist. Den zu einer normierten Therapie oder gar Leistungssteigerung zu verwenden, ist Zukunftsmusik und komplett spekulativ. Es gab in der Medizin auch eine Zeit, da waren wir sicher, dass wir eines Tages alle Krankheiten heilen könnten, einfach, weil wir für jeden Keim ein Antibiotikum hätten. Wir wissen ja, was draus wurde: die Keime sind schlauer und es gibt fiese Keime, die schon ohne Resistenzen nicht kleinzukriegen sind.
Genauso verhält es sich mit “Designerbabys”. Was im Genom wofür steht ist nur in absoluten Einzelfällen klar. Wir können bisher so gut wie nichts im Genom schrauben, ohne dass das Produkt nicht mehr lebensfähig wäre. “Designerbabys”, beispielsweise Geschwister für Bluterkranke und Leukämiekinder, die zu deren Heilung gezeugt werden, werden nicht designt. Es werden nur so lange Embryonen untersucht, bis einer in einem bestimmten Punkt passt. (Wen dieses Thema interessiert, der sollte Mal “Beim Leben meiner Schwester” von Jodi Picoult lesen. Genau dieses Thema, sehr gut recherchiert und dargestellt.) Sowas komplexes wie den Intellekt kann man unmöglich künstlich herstellen. Wir können nicht mal die Augenfarbe festsetzen!! Der Intellekt ist zudem mit großer Wahrscheinlichkeit auch zu einem Gutteil eine Frage der Sozialisierung, Erziehung, Bildung, Umgebung, etc. Das werden wir ebenfalls auf sehr sehr sehr lange Sicht überhaupt nicht gentechnisch beeinflussen können.
Eine Depression ist tatsächlich eine Stoffwechselerkrankung und keine Persönlichkeitsstörung. Genauso verändern Medis, die in diese Stoffwechselwege eingreifen nicht dauerhaft die Persönlichkeit. Tagesform, körpereigene Hormone, Jahreszeiten und von außen kommende Ereignisse ändern ja auch nicht die Persönlichkeit an sich, aber die Laune und Wachheit.
Ich glaube nicht, dass Normen auf eine Perfektionierung des Menschen aus sind. Wie schon mehrfach festgestellt, ist “perfekt” sowieso eine Frage des kulturellen Umfeldes und der Zeit. Hey, es gab Zeiten und Orte, da gab es nix hübscheres, als Frauen, die sich ihre Füße gebrochen und solange mit Glasscherben und Maden zusammen eingewickelt hatten, bis sie zu einer Winzgröße verfault sind. WIRKLICH verfault. Damals waren da auch alle ganz heiß drauf und was ist passiert? Das Ideal, die Norm hat sich geändert. Und diejenigen, die das damals nicht wollten, haben auch gelebt.
Außerdem, worin besteht denn heutzutage, mal nur im Westen, das Ideal? Es gibt inzwischen so viele Lebensentwürfe, Ästhetikvorstellungen, Moralgrundlagen, da findet sich für mein Dafürhalten jeder irgendwo wieder. Da, wo ich herkomme, ist das Ideal, was das Leben angeht, z.T.noch ziemlich rückschrittlich: eine “ideale” Frau macht irgendeine nicht allzulange Ausbildung, sucht sich einen möglichst nicht allzu zeitaufwändigen Job, heiratet nicht zu spät, bekocht den Gatten und zieht bitte ne handvoll Kinder groß. Dieses Ideal gilt aber auch dort nur für gewisse Bildungsschichten und vor allem für die ländliche Bevölkerung. Geht man in eine Stadt oder gar in einen anderen Teil dieses Landes, dann sieht das schon wieder anders aus. Es gibt Leute, die Adoption, Patchworkfamily, Kommunen und was weiß ich nicht alles als ideal empfinden (ich will nicht sagen, dass ich für oder gegen irgendeinen dieser Lebensentwürfe was habe).
Die Jungs in unserer Umgebung wollten auch lieber ein Mädel, wo was dran ist, nicht zu groß bitte, charakterlich und von den Interessen her nicht zu abgedreht. Ich bin in vielerlei Hinsicht nicht das, was man daheim auf dem Land als das Ideal sehen würde, aber ich hab mich vor allem später, nach der Schule, nie mehr zu was gezwungen gesehen - ich hab genug Leute meiner façon entdeckt, ohne mich groß zu verrenken. Vor allem in größeren Städten hab ich nie den Eindruck, dass auf alle ein einheitlicher Druck herrscht, für mich sieht es immer eher so aus, dass es nen Haufen Nischen gibt, die alle irgendwie gefüllt werden. Und viele derer, die arg weit von, sagen wir “gängigen” Idealen abweichen, sind explizit auf einen Bruch mit den Allgemeinvorstellungen aus.
Dass das, was die Medien als Ideal verscheppern, meistens nix mit der Vorstellung echter Menschen zu tun hat, ist aber doch wohl auch klar, oder?! Fragt mal nen Kerl in eurer Umgebung, was der von den mageren Models in ner Frauenzeitschrift hält. -.-
Der eingeschränkten Belastungsfähigkeit des Menschen wird meiner Meinung nach immer mehr Raum gewährt. Es gibt psychiatrische Diagnosen, die erst in den letzten Dekaden entwickelt wurden. Burnout zum Beispiel, der ultimative Ausdruck des Zusammenbrechens unter den übermäßigen Erwartungen. Vor vielleicht 60, 70 Jahren wurden solche Leute noch als bekloppte, hysterische Versager abgestempelt. Natürlich werden Zusammenbrüche dank dem steigenden Druck immer häufiger. Aber die Tatsache, dass man die Leute nicht mehr für bescheuert erklärt, zeigt, dass man feststellt, dass nicht jeder irgendwelchen dummen genormten Idealen von Belastungsfähigkeit entspricht und dass es einfach auch Grenzen für diese Belastungsfähigkeit gibt.