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Geschlechterrollen und Labels? - Nicht jeder will sich festlegen

Ich fürchte, das hängt nicht nur von dir alleine ab - ich meine, deine Familie existiert ja nicht im “luftleeren Raum”. Es gibt immer ein Umfeld… Und Kinder merken üblicherweise sehr schnell, was sie - sozial gesehen - “dürfen” und was nicht. Was ihnen Pluspunkte bei Fremden bringt - und was eben nicht.

Das ist auch meiner Erfahrung nach der fast einzige soziale Unterschied zwischen Cis-Frauen und Trans-Frauen: ich habe den sehr starken Verdacht, dass Trans-Frauen tendenziell in Debatten so viel “lauter” auftreten, weil es ihnen eben nicht schon in frühester Kindheit aberzogen wurde, eigene Bedürfnisse zu äußern. Frühkindliche Sozialisation ist wichtig… Und kleine (Cis-)Mädchen werden leider gesellschaftlich darauf getrimmt, anderen Leuten zu gefallen - also nur nicht anecken, indem man irgendwas will! Das kleine Trans-Mädchen, das als Junge gesehen wird, hat das Problem nicht… (Das hat natürlich andere Probleme - nur eben nicht dieses.)

Nicht wirklich. In punkto Noten ja, ich kenne die Statistiken - aber wenn es um tatsächliche Förderung geht? Die Jugend-Forscht-Plätze, Schülerstipendien etc. gehen dann trotzdem an die Jungs. (Mir wurde das sogar noch klipp und klar so gesagt: ich krieg den Platz nicht, weil, Mädchen verlieren spätestens in der Pubertät ja eh das Interesse dran. Inzwischen dürfte das zwar so nicht mehr ausgesprochen werden - aber, hey. Ist nicht so, als wäre das Gedankengut weg…)

Tja. Keine Ahnung - aber bestimmt nicht, indem sich die marginalisierten Gruppen um die wenigen Krumen prügeln, die für sie abfallen.

Härtere Strafen allerdings, da kann man davon ausgehen, dass die so gut wie keinen Effekt haben. Niemand stellt sich hin und grübelt drüber nach, “Hmmmmm, wenn ich die da vermöbele, gehe ich jetzt 10 Monate ins Gefängnis statt nur drei - dann lasse ich das wohl mal besser”. Das… ist einfach nicht der Gedankenprozess, der in solchen Situationen abläuft.

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Ich bin mir nicht sicher, was davon Erziehung und was Veranlagung ist. Mädchen neigen eher dazu, Erwartungen an sie erfüllen zu wollen. Bei Hunden nennt man diese Charaktereigenschaft „will to please“, bei Menschen wäre es wohl unangebracht das so zu nennen. Aber es scheint mir schon eine Charaktereigenschaft zu sein, und zwar eine, die bei Mädchen häufiger/ausgeprägter vorkommt. Ob man diese fördert oder nicht, steht natürlich auf einem anderen Blatt. (Für diesen Absatz bitte nicht zerfetzen, er gibt nur meine Beobachtung wieder ohne weitergehende Schlussfolgerungen. Nichts davon darf eine Entschuldigung für irgendwelche unterdrückenden Machenschaften sein!)

Die Noten sind ja Ausdruck dessen, wer in diesem Umfeld besser klar kommt = lernen kann. Meine Klasse wurde experimentell für ein Jahr in einigen Fächern nach Geschlecht getrennt. Bei den Mädchen war alles super, Höchstleistungen und glückliche Lehrer, bei den Jungs die absolute Katastrophe. Inwiefern Schülerstipendien o.ä. unfair verteilt werden/wurden kann ich nicht beurteilen, ich kenne dazu keine Statistik und habe auch keine Erfahrung.

Das wohl eher nicht (wobei sich schon mancher gewandelt hat; „bloß nicht wieder ins Gefängnis!“), aber wenn man nach dem dritten krankenhausreif Geprügelten wieder mit einer Geldstrafe und einem „aber diesmal bitte wirklich nicht mehr machen“ davonkommt, weil man ja schließlich eine Ausbildung macht und sowieso sozial benachteiligt ist und die schwere Kindheit… …dann hält einen das sicher nicht davon ab, das wieder zu tun. (Wobei ich deiner Meinung war, dass Strafen eher wenig bringen, bevor ich mitbekommen habe, WIE wenig so einem ständig auffälligen (typischerweise männlichen, aber nicht ausschließlich;) ) Gewalttäter passiert…)

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Ich mir auch nicht. XD Ich vermute, dass es sich um angeborene Tendenzen handelt, die dann aber durchs Umfeld massiv verstärkt werden.

Unter Menschen, und speziell bei Kindern, nennt man das im wissenschaftlichen Kontext üblicherweise “agreeableness”. Der Kontext, in dem ich das kenne, ist Schachtraining für Kinder. Falls du Interesse hast, kann ich dir diese Publikation empfehlen, die versucht, herauszufinden, warum so wenige Mädchen Schach spielen wollen.

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Children who score higher on Intellect/openness and Energy/extraversion are more likely to play chess while children who score higher on Agreeableness are less likely to be attracted to chess. Boys with higher scores on Agreeableness are less likely to take up chess than boys with lower scores. Considering that girls score higher on Agreeableness, this factor may provide one of the possible reasons why more boys are interested in chess.
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Superspannend!

Keine Sorge, ich zerfetze niemanden! XD Diejenigen, die dich dafür zerfetzen sind schon

  • Trans-Aktivisten, die den Standpunkt vertreten, dass Geschlecht niiiieeeeee nix mit angeborenen körperlichen Dingen zu tun haben könnte (und dass auch nur die Andeutung davon transphob ist, und dass man Biobücher doch lieber verbrennt)
  • Radikal-Feministinnen, die meinen, Geschlecht ist doch eh nur ein soziales Konstrukt, also, gibts doch gar nicht - wovon reden wir hier noch mal? XDD

Der Gefängnisaufenthalt allerdings leider auch nicht. Zum Beispiel in den USA sind die Strafen wesentlich härter als hier (vor allem auch je dunkler deine Haut ist), aber die Rückfallquoten trotzdem (bzw. möglicherweise auch gerade deswegen: nach einem längeren Aufenthalt sind die Leute psychisch hinüber) höher… Also das scheints irgendwie nicht zu sein.

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Danke für den Link (und die passende Vokabel!), interessant, dass dazu geforscht wird.

Wobei das nicht direkt vergleichbar ist, weil in den USA Gefängnisse schon zur Strafe da sein sollen, während sie hier vom Grundsatz her „Besserungsanstalten“ sind. Ich glaube zwar auch nicht, dass ein Gefängnisaufenthalt einen Menschen grundsätzlich besser macht (sonst wär’s ja einfach :crazy_face:), aber es fehlt an sinn- und wirkungsvolleren Alternativen. Keine Konsequenz ändert halt garantiert nichts, sondern suggeriert, dass dieses Verhalten akzeptiert wird. Wenn an anderer Stelle sich Menschen durch eine fehlende Toilette nicht akzeptiert fühlen als das was sie sind, ist es ganz schön schräg, Menschen, die einzelne Toiletten nötig machen, durch Tolerieren ihres Verhaltens Akzeptanz zu zeigen.

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Außerhalb der Szene geifernder Aktivisten, die meinen, die absolute Wahrheit zu wissen, gibt es durchaus eine ganze Menge Wissenschaftler, die ergebnisoffen forschen, weil sie tatsächlich an Erkenntnisgewinn interessiert sind. XD Und dann kann das ein richtig spannendes Thema sein! Dass die Genderwissenschaften und allgemein Sozialwissenschaften den Ruf haben, keine echten Wissenschaften zu sein, liegt daran, dass die “Forschung” leider viel zu oft ideologiegetrieben ist und politisch gewünschte Ergebnisse produziert - aber das ist ein anderes Problem. Man kann solche Fragen fachlich untersuchen. Und üblicherweise sind echte Forschungsarbeiten auch recht leicht von den Fakes irgendwelcher Aktivisten zu unterscheiden…

…eigentlich. XD

https://www.skeptic.com/reading_room/conceptual-penis-social-contruct-sokal-style-hoax-on-gender-studies/

Das stimmt sicherlich. Allerdings: wenn man ins andere Extrem umschlägt und am Ende massenhaft Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung nach Verbüßung ihrer 10 Jahre Haft auf die Gesellschaft loslässt… Dann gibt das insgesamt mehr Gewalt, nicht weniger.

Ich finde die Handhabung in Deutschland eigentlich recht gut: es gibt bestimmt irgendwelche Details, die man noch besser machen könnte, aber der Resozialisierungsgedanke bringt was.

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Puh, ich glaube es gibt keinen anderen Wissenschaftszweig wo es so schwierig ist, zu erkennen ob eine Studie, die grundsätzlich richtig aufgebaut und durchgeführt wurde, durch ihre Struktur doch nur das Ergebnis bringt, das der Verfasser erreichen wollte. (Im Extrembeispiel diese absurde TV-Show, über die weiter oben im Thread geschrieben wurde) Andersrum kann die Studie absolut richtig sein, nur das Ergebnis so wenig meiner Meinung entsprechen, dass ich das für ausgeschlossen halte und die Studie so auseinandernehme bis ich mir einreden kann, sie wäre Fake…

Naja, da die meisten Gewaltstraftaten von unter 30 jährigen verübt werden, die nach zehn Jahren Haft dann über 30 sind… :thinking:
Nein, Quatsch, so war das ja auch nicht gemeint, dass jeder gleich 10 Jahre in Haft muss. Aber ein Freibrief für die ersten 5-10 Gewaltverbrechen (solang sie nicht grade zu Toten führen) ist halt im Moment Realität. Und das empfinde ich als hohe Akzeptanz von Gewalt in der Gesellschaft. Die unter anderem dazu führt, dass öffentliche Toiletten nicht sicher sind. Dass gezeigt werden muss, dass dieses Verhalten nicht akzeptiert wird, soll natürlich, wenn irgendwie möglich, nicht dazu führen, dass der Mensch posttraumatische Belastungsstörungen bekommt. Aber im Zweifelsfall soll meiner Meinung nach lieber der Täter traumatisiert werden, als ein Haufen weitere Opfer. Es ist schließlich nicht so, dass das jedem mal passieren kann, dass man ausversehen einen zusammenschlägt. Wird aber im Moment so behandelt. Tendenziell bist sogar du gerade dabei, auf den weiteren Lebenslauf der Täter mehr Rücksicht zu nehmen als auf den der Opfer. …patriarchalisch geprägte Denkweise? „Paarmal verprügeln ist schon drin“? (Nicht als Angriff gemeint, sondern als Denkanstoß, darf gerne widerlegt werden)

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Das stimmt wohl. In den Naturwissenschaften gibt es zwar auch immer mal wieder Skandale mit Fake-Studien, aaaaber das funktioniert nur, wenn die betreffenden Personen tatsächlich bereit sind, Messergebnisse frei zu erfinden, etc. (Das ist übrigens auch manchmal echt schwer zu beweisen. Theoretisch müssen Versuche reproduzierbarsein, aber in der Praxis, wenn es sehr teure Geräte oder sehr schwer - oder unmöglich - nachzustellende Versuchsbedingungen sind? Tja.) Oh, und “mit Statistik lügen”, also: Ergebnisse gezielt so zu präsentieren, dass sie einen bestimmten Standpunkt zu untermauern scheinen, ist natürlich auch in den Naturwissenschaften eine verbreitete Kunstform. Es fällt aber leichter auf.

Sozialwissenschaften beinhalten gerne mal sehr viel Geschwurbel - und Politik. Und häufig ist tatsächlich bereits das Studiendesign darauf ausgelegt, dass es das erwünschte Ergebnis produzieren wird. (Deswegen bin ich Naturwissenschaftlerin…) Das bedeutet allerdings nicht, dass es prinzipiell unmöglich oder sinnlos wäre, soziale Fragen wissenschaftlich zu untersuchen.

Na ja, wenn eine sauber durchgeführte Studie mit gut entworfenem Versuchsaufbau und ehrlich wiedergegebenen Ergebnissen etwas zeigt, das nicht meiner Meinung entspricht… dann ist meine Meinung zu dem Thema nachweislich falsch, ne? XD

Genau genommen: wenn eine “Meinung” eine wissenschaftlich überprüfbare Hypothese (also: verifizierbar oder falsifizierbar) betrifft, ist es gar keine Meinung. Sondern erst mal eine Nullhypothese. Das beträfe dann zum Beispiel… eine Frage, die noch gar nicht wissenschaftlich untersucht wurde. Es ist unmöglich, dazu eine “Meinung” zu haben.

Beispiel: Der Satz “Blaue Pullover sind hässlich” ist eine Meinung. Es ist nämlich unmöglich, wissenschaftlich zu untersuchen, ob blaue Pullover hübsch oder hässlich sind, so dass es sich nicht um eine Nullhypothese handelt. (Man könnte natürlich eine Studie dazu durchführen, wie die Meinung zu blauen Pullovern in der Bevölkerung ist - in dem Fall müsste man die Nullhypothese allerdings deutlich anders formulieren, damit sie überprüfbar ist. Zum Beispiel, “blaue Pullover werden von vielen Menschen als hässlich empfunden”.) Sobald man allerdings im verifizierbaren Bereich ist - der Satz “die Erde ist eine Scheibe” war erst mal eine sinnvolle Nullhypothese, bevor man die Sache untersucht hat. Inzwischen ist es eine hinreichend widerlegte Nullhypothese, aber so oder so, eine Meinung dazu zu haben ist schlichtweg sinnlos.

(Ich hab ja Kellyanne Conway für ihre Wortschöpfung der “alternative facts” echt gefeiert… XDDD)

Das große Problem der Sozialwissenschaften ist es, Nullhypothesen sauber zu formulieren. Passiert leider selten. XD

Was das aktuelle Thema hier betrifft: zum Beispiel der Satz “Trans-Frauen sind Frauen” ist keine sauber formulierte Nullhypothese, da der Begriff “Frau” überhaupt nicht eindeutig definiert ist - und, im Konflikt zwischen Trans-Aktivisten und Frauenrechtlerinnen, beide Seiten der Debatte unterschiedliche Defintionen verwenden - und sich bereits darüber streiten, wer nun eigentlich die Deutungshoheit über den Begriff hat. (Sprich: wer nun eigentlich das Recht hat, eine Definition festzulegen.) Wie auch immer man nennen will, was da abgeht: Wissenschaft ist es nicht.

AHHH. Hier kollidieren also gesundes Gerechtigkeitsempfinden und Präventionsgedanke. Das ist natürlich ein uralter Konflikt vor allem im Jugendstrafrecht:

  • Die Verfechter härterer Strafen verweisen darauf, dass es ungerecht ist, Gewalttäter nur lasch zu bestrafen. (Meinung, da “Gerechtigkeit” nicht wissenschaftlich verifizierbar ist.)
  • Die Verfechter der aktuellen Herangehensweise verweisen darauf, dass härtere Strafen die Rückfallquote nachweislich erhöhen, also langfristig mehr Opfer produzieren. (Wissenschaftliche Hypothese.)

Ich habe mich mit dem Thema zugegebenermaßen nur oberflächlich beschäftigt (mein Thema ist Schachtraining, nicht Gewaltkriminalität), aber für mich… sehen die Studien, die den zweiten Standpunkt untermauern, eigentlich ziemlich sauber aus - auch wenn mein Gerechtigkeitsempfinden dabei ebenfalls aufjault. ^^°

Das würde ich im Zweifelsfall auch so unterschreiben, nur in der Realität sieht es leider so aus, dass ein traumatisierter Täter zu einem Haufen weiterer traumatisierter Opfer führt - so dass die Gegenüberstellung als Entweder-Oder (sowie die mitschwingende Unterstellung, den Verfechtern weniger harter Strafen wären die Opfer egal, oder zumindest die Täter wichtiger als die Opfer) intellektuell unredlich ist.

Natürlich kann man jetzt eine Meinung dazu haben, wie man im Strafrecht vorgeht - aber die Abwägung ist eben nicht das plakative vielzitierte “Täterschutz vs. Opferschutz”, sondern eher: was ist einem wichtiger, “gerechte” harte Strafen oder möglichst wenige neue Opfer.

Dabei wäre es mir wichtig, zu betonen, dass beide Seiten der betreffenden Debatte eindeutig auf Seiten der Opfer sind. Ich würde andersherum ja auch niemandem unterstellen “OHH, der will den Täter, der die Trans-Frau zusammengeschlagen hat, 20 Jahre in den Knast schicken bei Wasser und Brot? Das erhöht die Rückfallgefahr, also wird es danach wohl noch mehr zusammengeschlagene Trans-Frauen geben… Also ist das Urteil trans-feindlich!” - das ist eindeutig nicht die Intention, also…

Nein, natürlich nicht. Es gibt zwar gesellschaftliche Strukturen, die das begünstigen (es ist zum Beispiel leicht eine Korrelation mit Armut, niedriger Bildung, und auch Suchtkrankheiten nachweisbar - und das sind gesamtgesellschaftliche Fragen, also z.B. eben wie man so als Gesellschaft sein Prekariat behandeln will), aber das ganze Konzept, überhaupt ein Strafrecht zu haben, geht immer noch vom Konzept individueller Verantwortung für die eigenen Handlungen aus. (Dass das nicht immer eindeutig feststellbar ist, ändert nichts am Prinzip. Ich könnte jetzt durchaus eine Situation konstruieren, in der jemand tatsächlich “ausversehen jemanden zusammenschlägt”, das wäre allerdings wohl kaum zielführend, da es mit der gesellschaftlichen Realität von hate crimes wenig zu tun hat.)

Nee. Mit “Rücksicht auf die Täter” hat das nichts zu tun. Ganz grob gesagt: was mit einem Axxxxloch passiert, der nem Kumpel sagt, “Äyy, Digga, lass ma Transen klatschen gehn”, ist mir eigentlich herzlich egal. Das ist Abschaum, und ob dessen Leben am Ende wohlverdient ruiniert ist… Who cares? Allerdings - wenn man ihn so weit resozialisieren kann, dass er das nicht wieder macht, ist das durchaus wichtig, nämlich für seine potenziellen zukünftigen Opfer. Die einzige Alternative wäre es ja, den Täter dauerhaft aus der Gesellschaft zu entfernen, also entweder für immer einzusperren oder hinzurichten. Das ist jetzt etwas, wozu man durchaus eine Meinung haben kann (XD), aber der Gedanke an eine Gesellschaft, die für jede Gewalttat automatisch lebenslang (oder Todesstrafe) verhängt, gefällt mir irgendwie auch nicht… Also, wenn ich weiß, dass der Täter irgendwann wieder draußen ist, muss ich mir leider auch Gedanken um sein Wohlbefinden machen - selbst wenn mir der Kerl persönlich völlig egal ist.

Nö. Verprügeln ist nicht drin. Schon gar nicht Verprügeln als hate crime, also eben nicht als Konflikt zwischen zwei Gleichen (wie es z.B. die klassische Kneipenschlägerei wäre), sondern als gezielter Übergriff auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe, ob das nun Frauen, Transmenschen, “Ausländer” oder was auch immer sind. Die Frage ist eher, wie man damit umgeht, wenn es passiert - und wie man es am besten von vornherein vermeidet.

Letztlich sehe ich die Aufgabe, hate crimes zu verhindern, nicht nur im Strafrecht, sondern in erster Linie in der Politik: vor Gericht hat man es ja immer nur mit einem einzelnen Täter zu tun, aber wie gesagt, die Strukturen, die die verhandelte Tat begünstigt haben, gehen üblicherweise weit darüber hinaus.

Wenn es immer wieder gegen bestimmte Gruppierungen gerichtete hate crimes gibt, hat das in erster Linie mit dem allgemeinen Status dieser Gruppierungen in der Gesellschaft zu tun - und nein, dass in den jeweiligen Einzeltaten auch jeweils ein A****loch dazugehört, das die konkrete Tat ausführt, sehe ich nicht als Widerspruch. Dass der sich die Trans-Frau als Opfer ausgesucht hat und nicht etwa einen Cis-Mann ist ja auch kein Zufall, sondern basiert auf Strukturen, die der Trans-Frau von vornherein einen niedrigeren Status (also Wert, Würde, wie auch immer man es nennen will) zubilligen als einem Cis-Mann.

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Nein, eigentlich nicht. Mir geht es nicht um Gerechtigkeit (zumindest nicht vorrangig), sondern um den Erziehungseffekt. Ob ein Täter weiter Gewalt ausübt, weil er im Gefängnis war oder weil ihm suggeriert wurde, dass das ok ist, bleibt erstmal das selbe. Ich GLAUBE, dass schnellere Strafen besser präventiv wirken, weil der „Abschreckungseffekt“ zusätzlich zum tragen kommt. Wird der Kumpel, der neulich jemanden verprügelt hat, direkt bestraft, setzt das ein anderes Signal wie wenn er zum Gericht rauskommt und sagt: „Geldstrafe, aber es der Transe zu zeigen war‘s wert!“


…ein bisschen Recherche hat ergeben, dass es (wie so oft) alles viel komplizierter ist, als wir das hier diskutieren können. In Teilen hast du Recht, dass Strafe (in Form von Gefängnis) oft wenig bringt

Jugendkriminalität ist ein ganz normales, vorübergehendes Phänomen und harte Strafen schaden eher.

(Artikel, die Studie selbst lässt sich scheinbar nicht mehr aufrufen)
(wobei hier ausschließlich der Einzeltäter betrachtet wird und weder Umfeld noch gesellschaftliche Veränderung durch „null-Gewalt-Toleranz“ Beachtung finden).

In Teilen habe ich Recht, dass das Signal „dieses Verhalten wird nicht akzeptiert“ wichtig ist:

Wichtig ist, dass beim Täter Einsicht in die Verwerflichkeit des Tuns geweckt und ihm zugleich die strafrechtliche Relevanz seines Handelns signalisiert wird.

Wobei ein Teil der schlechten Wirksamkeit von verhängten Strafen darauf beruht, dass zwischen Tat und Urteil zu viel Zeit vergeht:

Häufig kommen noch immer die justitiellen Reaktionen, insbesondere die stationären, erst Monate nach der Tat viel zu spät und werden als bloße Übelszufügung ohne Sinn empfunden.

(Beides aus Strategien der Gewaltprävention im Jugendkriminalrecht )
Und auch hier wird der Täter isoliert betrachtet, Umfeld- oder Gesellschaftsstudien in Bezug auf verhängte Strafen habe ich keine gefunden…

Und als Beispiel, wie wahnsinnig Komplex Gewaltprävention ist:
Eine Schweizer Studie die schon in der Schwangerschaft (!) anfängt mit der Gewaltprävention des irgendwann mal jugendlichen vielleicht Straftäters.

Das Problem bei Sozialwissenschaften ist nur, dass so viel mit einbezogen werden muss, dass es kaum möglich ist eine Studie hieb- und stichfest durchzuführen. Siehe oben: die Studie sagt, Strafe ist sinnlos, ich sehe meine Meinung (bzw. meine Hypothese ;) ), dass Strafe sinnvoll ist, aber nicht widerlegt, weil mir persönlich in der Studie Aspekte fehlen, die dazu notwendig wären. (Und ganz ehrlich; „wir warten einfach ab, bis die Straftäter alt genug sind, dass sie den Mist von allein lassen“ kann nicht ernsthaft eine Methode zum Umgang mit Jugendkriminalität sein. Zumal das alles stattgefunden hat in einem Umfeld mit einer Menge anderer Präventionsmaßnahmen. Die Studie ist Mist. (Bzw. die plakativen Schlussfolgerungen daraus. Die Studie selber könnte ganz interessant sein) )

Zurück zum Thema:

Genau das ist ein Punkt, an dem ich viele von diesen Diskussionen nicht verstehe. „Transfrauen sind keine „echten Frauen“, weil an denen ja nicht alles weiblich ist.“ Ich kenne keine Frau, an der alles weiblich ist. Insofern verstehe ich auch manchmal die Debatte über nicht binäre Personen nicht ganz, weil eigentlich jeder mehr oder weniger Anteile des anderen Geschlechts hat. Die Frage ist nur, welche man als essentiell definiert und welche nicht; …Chromosomen, äußere Merkmale, Charaktereigenschaften, sexuelle Ausrichtung, Rolle bei der Fortpflanzung, innere Einstellung, Hormone, Denkstrukturen…???

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Das stimmt wohl. XD Und eventuell würde ich nach ausführlicher Sichtung sämtlicher verfügbarer Literatur sowie kritischer Überprüfung aller Studiendesigns auch selbst zu einem anderen Schluss kommen.

Oh, Naturwissenschaften haben das gleiche Problem. Da kann es auch ganz leicht vorkommen, dass, selbst bei sauberer Arbeit, die Schlüsse, die man aus einer Studie zieht, falsch sind, weil man beim Versuchsdesign irgendwas nicht beachtet hat, von dem man nicht wusste, dass es relevant ist. XD

…und kontextabhängig ist es auch. Also, welche Merkmale in welcher Situation relevant sind.

Im üblichen sozialen Kontext? Da kann nur die innere Einstellung zählen - bei fremden Leuten, die man so trifft, führt man bekanntlich eher selten einen Chromosomentest durch. Oder (abgesehen vielleicht von Tinder-Dates) guckt jemandem, den man gerade getroffen hat, in die Hose. Also in fast allen Situationen ist Selbst-Identifikation das einzig maßgebliche Kriterium. Es gibt auch keine Entschuldigung dafür, Menschen absichtlich mit den falschen Pronomina anzusprechen und so weiter.

Im medizinischen Kontext… ist das selbstverständlich nicht so. Eine Person, die z.B. eine Narkose braucht, wird die Medikamentendosis abhängig von ihrem biologischen Geschlecht berechnet bekommen: weil Stoffwechsel und Muskelmasse plötzlich relevant sind (was sie auf einer Gartenparty nicht sind). Und Transmänner werden aus naheliegenden Gründen nie zum Prostatakrebs-Screening gehen müssen. Ich sehe es übrigens nicht automatisch als “transphob”, das so auszusprechen: mir ist klar, dass es sich um eine konstante Quelle von Dysphorie handelt, und das ist kacke, aber wenn Menschen an der Realität leiden, ist daran weder die Realität schuld noch derjenige, der die Realität als solche anerkennt. (Selbstverständlich kann es, kontextabhängig, ein transphober Akt sein, die Person unnötigerweise daran zu erinnern, in einer Situation, in der es nicht relevant ist. Aber ich meine, im Zweifelsfall darf man eben andere Menschen nicht zwingen, aktiv die Realität zu leugnen.)

Im Sport… Ist die Sache schwierig - weil die ursprüngliche Trennung zwischen “Männern” und “Frauen” darauf basiert, dass Cis-Frauen einen biologischen Nachteil in der körperlichen Leistungsfähigkeit haben. (Zu dem Zeitpunkt, zu dem das eingeführt wurde, waren Trans-Menschen öffentlich noch kein Thema.) Ob Trans-Frauen jetzt bei den Frauen antreten dürfen (weil sie Frauen sind und auch so behandelt werden sollten) oder nicht (weil sie den Nachteil, für den die Trennung ja nur da ist, nicht haben, und entsprechend Cis-Frauen im Wettbewerb keinerlei Chancen mehr hätten) ist einfach ein riesiges Streitthema - und Intersex-Sportlerinnen stehen eh zwischen allen Stühlen.

Im sexuellen Kontext… Ist die Sache noch schwieriger - immerhin basiert bei vielen Menschen die sexuelle Anziehung zumindest zu einem großen Teil auf biologischen Merkmalen. Trans-Personen haben da oft die A***karte. Allerdings sehe ich es ebenfalls nicht als “transphob”, wenn z.B. eine lesbische Cis-Frau einfach nicht daran interessiert ist, Sex mit einer Trans-Frau (mit Penis) zu haben… Und, ja, das ist ebenfalls kontrovers.

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“Im sexuellen Kontext… Ist die Sache noch schwieriger - immerhin basiert bei vielen Menschen die sexuelle Anziehung zumindest zu einem großen Teil auf biologischen Merkmalen. Trans-Personen haben da oft die A***karte. Allerdings sehe ich es ebenfalls nicht als “transphob”, wenn z.B. eine lesbische Cis-Frau einfach nicht daran interessiert ist, Sex mit einer Trans-Frau (mit Penis) zu haben… Und, ja, das ist ebenfalls kontrovers.”

Hm, da muss ich doch mal einhaken, weil das jetzt schon mindestens zum zweiten Mal aufploppt. Es ist nicht kontrovers.
Es gibt Bubbles in denen sowas natürlich diskutiert wird und gesagt wird “mimimi Cis Lesbische Frauen sind transphob”. Und die Leute bekommen natürlich auch in ihrer Bubble Bestätigung.
Das ist jedoch NICHT die allgemeine Meinung der lgbt+ Community. Jeder mit nem Gehirn weiß, dass sexuelle Attraktionen auch schlicht und ergreifend gegenüber Geschlechtsteilen herrscht.
Deswegen gibts ja auch so Sachen wie zB bi- und pansexuell. Natürlich gibt’s immer Diskussionen.

Aber es direkt als kontrovers zu bezeichnrn hört sich so an als wären lgbt+ Leute zu blöd einfache Regeln der sexuellen Attraktion nicht zu verstehen oder diese böswillig zu ignorieren.

Lustigerweise aus persönlichen Kontakten ausm Netz, waren die meisten Transfrauen, welchen ich begegnet bin pansexuell oder hetero (stehen auf Männer). Aber gibt natürlich auf Transfrauen, welche auf Frauen stehen.

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“Kontrovers” ist etwas, sobald es zu einem Thema diametral entgegengesetzte Meinungen gibt, und die eine davon nicht bloß eine absolute Nischenmeinung ist. Ich fürchte, das aktuelle Thema ist qualifiziert.

Ja, das weiß ich durchaus. (Eine “allgemeine Meinung” gibt es da sowieso nicht.) Es ist aber leider häufig genug, dass ich - obwohl ich mich aus Aktivismus weitestgehend heraushalte - mit Regelmäßigkeit darauf stoße. Ich würde sogar vermuten, es ist inzwischen eine der häufigsten Nutzungen des Wortes “TERF”. (Gerne auch in Verbindung mit dem Trans-Incel-Begriff “cotton ceiling”. Und ist es nicht interessant, dass es zwar eine Beleidigung für Cis-Lesben gibt, die Trans-Frauen “ausschließen”, aber kein analoges Schimpfwort für Cis-Schwule, die nicht mit Trans-Männern schlafen wollen?) Dass das nun bei Weitem nicht jeder Trans-Aktivist so sieht, ist mir ebenfalls völlig klar - aber so selten und abwegig, wie du es darstellst, ist es eben leider auch nicht.

Jep. Wobei ich das nicht nur auf “Geschlechtsteile” beziehen würde, sondern auf andere geschlechtsspezifische körperliche Merkmale mit ausdehnen würde, also z.B. auch Körperbau, Stimme, Geruch (!), und so weiter - es geht ja nicht nur um “Penis oder Vulva” dabei - aber ich denke, im Großen und Ganzen sind wir uns da völlig einig.

Nö. Etwas ist kontrovers, wenn es eine Kontroverse zu dem Thema gibt. Und dass es im Bereich des radikalen Trans-Aktivismus signifikante frauenfeindliche (und, spezifisch auch: konkret lesbenfeindliche) Strömungen gibt, ist leider eine traurige Tatsache. (So wie es im Bereich des radikalen Feminismus auch signifikante transfeindliche Strömungen gibt - denen aber natürlich auch nicht jede emanzipierte Frau automatisch zustimmt.) Keine Angst: ich kann differenzieren!

Meines Wissens so ca. 30% - leider finde ich die Quelle nicht mehr, so dass ich hier durchaus falsch liegen kann. Du kannst mich gerne korrigieren, wenn du bessere Zahlen hast. ^^ Wobei das hier auch nicht sonderlich relevant ist. Sexuell primär an Frauen interessierte Transfrauen an sich sind ja nicht kontrovers. ^^

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Jetzt habe ich aber eine Frage: warum hebst du die ganze Zeit, etwas, von dem du selbst zugibst, dass es eine Strömung in einer radikalen Ecke ist, hervor um zu begründen, warum man sich nicht über eine (deutlich lautere und (speziell in der UK) politisch effektivere) Strömung aufregen darf? Du hebst sehr oft und mit sehr großer Begeisterung die “frauen- und lesbenfeindlichen Transaktivisten” hervor, aber einen Begriff für transphobe Frauenrechtlerinnen zu haben ist frauenfeindlich?

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Man darf sich selbstverständlich über jede radikale politische Strömung aufregen. Ich rege mich übrigens auch auf, wenn irgendwelche Steinzeitmenschen behaupten, es gäbe überhaupt keine Trans-Personen. (Was allerdings in erster Linie aus der konservativen Ecke kommt, und nicht etwa von radikalen Feministinnen, denen ja in diesem Fall nur zugehört wird, weil die Interessen ausnahmsweise übereinstimmen, wenn auch aus unterschiedlicher Motivation heraus.)

Moment! Hier legst du mir etwas in den Mund, was ich nie gesagt (oder gemeint) habe. Auch wenn du eine andere Ansicht zu dem Thema hast als ich - was dein gutes Recht ist - bleib bitte fair, ja? Falschzitate sind nicht nett…

Nein, einen Begriff für transphobe Frauenrechtlerinnen zu haben ist an sich natürlich nicht frauenfeindlich. Die ursprüngliche Verwendung war ja tatsächlich lediglich die Beschreibung bestimmter radikal-feministischer Strömungen, die man mit Fug und Recht als “trans-exclusionary radical feminists” bezeichnen kann.

Als frauenfeindlich (und ggf. auch beleidigend) bezeichne ich es lediglich, diesen Begriff beliebig auszudehnen auf

  • alle Cis-Frauen, die die Abschaffung von speziellen “Schutzräumen” für Cis-Frauen (wie z.B. Frauen-Klos, Frauen-Umkleiden, oder “Frauenhäusern”) kritisch sehen bzw. auf Nachteile hinweisen
  • alle Cis-Frauen, die äußern, sich unwohl zu fühlen, Angst zu haben, oder sich in ihrer (religiösen oder sexuellen) Selbstbestimmung eingeschränkt sehen, wenn sie sich in Gegenwart von Personen-mit-angeborenem-Penis (unabhängig von der Selbst-Identifikation der jeweiligen Personen) ausziehen sollen
  • Lesbische Cis-Frauen, die nicht daran interessiert sind, mit Trans-Frauen schlafen wollen

Mein Problem ist also nicht etwa die Wortschöpfung von Viv Smythe (und ja, ich habe die originalen Texte gelesen, keine Sorge), sondern lediglich die tatsächliche Verwendung heutzutage, die damit inzwischen, außerhalb des feministischen Diskurses, nur noch recht wenig zu tun hat, und in erster Linie dazu dient, cis-weibliche Gesprächspartner zu diskreditieren. (Kaum jemand, der auf Twitter mit dem Wort um sich schmeißt, hat überhaupt je irgendwelche radikal-feministische Literatur, trans-exclusionary oder nicht, gelesen oder weiß auch nur, wer z.B. Janice Raymond ist - das ist einfach im allgemeinen Sprachgebrauch nicht mehr gemeint!)

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