Zuerst erst mal dieses: Verweist mich bitte der Diskussion oder löscht meinen Beitrag, wenn ich hier fehl am Platze bin oder total am Thema vorbei schieße. Ich bin mir selbst nicht sicher; von daher bitte ich euch um eure Hilfe, dass ich da nichts falsch mache. Also weist mich einfach drauf hin oder zurecht, das wäre nett :3
weil ich jetzt gar nicht weiß, was "De servo arbitrio" oder eben "De libero arbitrio" heißt.
'de servo arbitrio' ist 'Über den geknechteten Willen' - Luther selbst bezieht sich mit diesem Titel auf Augustinus, der in seiner Schrift contra Iulianum II,8,23 auch von einem 'servum arbitrium' spricht.
‘de libero arbitrio’ ist entsprechend ‘Über den freien Willen’ - Die Schrift des Erasmus hat damit denselben Titel wie eine der Frühschriften von Augustinus, in denen er noch davon ausgeht, dass der Mensch einen freien Willen habe, was er aber später zurücknimmt und zu anderen Einsichten gelangt.
Es gibt sowohl die Theorie des Determinismus (alles ist kausalen Zusammenhängen unterworfen) und des Indeterminismus (Zufall).
Luther ist anscheinend Anhänger der zweiten Theorie …
Mit der zweiten Theorie meinst du den Indeterminismus, wenn ich dich richtig verstanden habe? Luther selbst verneint, dass es Zufall gäbe, weil schließlich alles durch Gottes Allmacht, die Allwirksamkeit ist, und daraus folgend seiner Providenz und Präszienz notwendig vorherbestimmt ist und notwendig geschieht. D. h., bei Gott geschieht nichts durch Zufall, wie du ja auch richtig feststellst.
Allein aus der Perspektive des Menschen könnte angenommen werden, es gäbe den Zufall oder das Schicksal oder wie man es nennen will, weil der Mensch einfach eben nicht vorhersehen oder vorherwissen kann und auch keine Einsicht in die Zusammenhänge des Weltgeschehens hat. Aus der göttlichen Perspektive betrachtet, gibt es so etwas aber nicht.
Allerdings finde ich es schwierig, in Bezug auf Luther mit (In)Determinismus zu operieren, da einerseits die von Gott gewirkte Schöpfung aus dem Nichts als indeterminierte Handlung klassifizierbar ist, andererseits der Mensch, obwohl er aufgrund des allgemeinen Antriebs göttlicher Allmacht oder des Geistes Gottes notwendig Böses oder Gutes tut, nicht im strengen Sinne determiniert ist, sodass ihm keine Verantwortung und Schuld mehr zugewiesen werden könnten. Wiederum gibt es aber eben auch keinen Zufall.
Ich glaube, im Sinne Luthers wäre es eher, die menschliche Perspektive hintanzustellen und die göttliche Perspektive als maßgeblich zu betrachten.
Wie ist also der Wille des Menschen einzuordnen? Ist er frei, also unabhängig von Gott, hieße das, dass Gott keineswegs in allem ist. Ist Gott in allem, wäre er auch im Wille des Menschen, und folglich (mit)verantwortlich für das, was geschieht.
Der Wille des Menschen ist absolut nicht frei oder unabhängig von Gott, denn Gott wirkt alles in allem und was er will, wirkt er notwendig, weil er sich von Ewigkeit her dazu bestimmt hat. Gott ist Wirktmacht und kann nicht nicht wirken. Es ist richtig (ich spreche hier immer noch mit Luther und stelle seine Position dar, bitte nicht missverstehen), wenn du sagst, dass, wenn Gott alles in allem wirkt, er auch im Willen des Menschen ist. Das ist das Wesen des *cooperari* zwischen Gott und Mensch: Gott wirkt in uns und treibt uns. Der menschliche Wille kann nicht ruhen, ist nicht indifferent, sondern will immer irgendetwas und treibt sich nicht selbst an (denn etwas, das sich als Ruhendes aus sich selbst heraus bewegt, gibt es nicht, so jedenfalls die antike Philosophie), sondern das tut Gott.
Das heißt, wenn ich Gutes tue, treibt mich innerlich Gott, und wenn ich Böses tue, treibt mich innerlich auch Gott. In nichts, was ich tue, ist Gott nicht mein Antrieb. Nun zu sagen: Gott wirkt aber das Böse nicht, das ich tue, oder: Gott ist nicht verantwortlich für meine böse Tat, sondern ich - das ist provokant und paradox. Aber Luther sagt es. Und erklärt es folgendermaßen:
Da Gott notwendigk wirkt und treibt, weil es seinem Wesen entspricht und er ansonsten nicht Gott wäre, hört er auch nicht auf, den Menschen notwendig zu treiben und in ihm zu wirken. Das darf man sich nun aber nicht so vorstellen, dass Gott in persona in uns handelt, sondern dass wir ergriffen sind vom allgemeinen Antrieb seiner Allmacht. D. h., so, wie ich bin, mit meiner spezifischen, individuellen Willensausrichtung, treibt mich Gott, sodass ich agiere. Er ist der Reiter, ich bin das Pferd. Wenn ich ein gesundes Pferd bin, werde ich schnell und gut laufen, wenn mein Reiter mich treibt. Bin ich aber ein lahmendes Pferd, werde ich schlecht laufen, wenngleich der Reiter mit exakt auf dieselbe Weise treibt wie wenn ich ein gutes Pferd wäre. Das ist mit diesem Antreiben Gottes gemeint: Er treibt bloß und entsprechend der Ausrichtung meines Willens ist qualifiziert, was ich hinausführe unter Antrieb Gottes.
Deswegen - da Gott in den Gottlosen und in denen, denen er seinen Geist geschenkt hat, strukturell gleich handelt, liegen die Verantwortung für das Handeln und die Schuld beim Menschen. Schließlich ist die Natur des Menschen verderbt, nicht die göttliche.
Davon abgesehen sind das Fragen der weltlichen, menschlichen Rechtsprechung und wie wir versuchen, unser Leben zu ordnen und ein funktionierendes, gesichertes Zusammenleben zu organisieren. Deshalb brauchen wir natürlich Kategorien, um zu entscheiden, was Recht und was Unrecht ist. Was bei Gott allerdings Recht und was Unrecht ist, d. h. die Maßstäbe der göttlichen Gerechtigkeit: Davon wissen wir hienieden nichts. Es ist auch nicht Sache des Menschen, hienieden nach göttlicher Gerechtigkeit zu richten. Das kann der Mensch nicht und das muss er auch nicht. Genauso wenig aber muss Gott nach menschlicher Gerechtigkeit verfahren. Bevor Gott angeklagt wird, muss man zwischen ihm und dem Menschen stets klar unterscheiden.
Mit der Komponente Gott ist alles vorherbestimmt, wenn man davon ausgeht, dass Gott allmächtig und allwissend ist. Gott weiß somit, was in der Zukunft passieren wird. Er weiß genau, welcher Mensch in den Himmel kommt und welcher in der Hölle landet. Ein freier Wille existiert nur, wenn das Ergebnis bzw. die Zukunft ungewiss ist. Sobald Gott weiß (also immer schon), dass Person X in der Hölle landet, kann Person nur etwas tun, um in der Hölle zu landen, sonst wären Gottes Prognosen ja falsch und dessen Allwissenheit und Allmacht widerlegt.
Schlimm, das zu sagen, aber: Ja! Gott kennt die Seinen, zitiert Luther fleißig. Prinzipiell ist das ganze Menschengeschlecht verdammungswürdig. Gott allerdings errettet einige. Der Rest wird verdammt und vergehen. Dabei spielt es keine Rolle, wie wir als Menschen die anderen Menschen beurteilen. Wenn wir finden, Person X ist sehr gottesfürchtig und fromm, ist das keine Gewähr, dass Person X auch vor Gott Gefallen findet. Vielleicht wird Gott Person Y, die wir nicht für auserwählt halten, von Gott errettet. Soll heißen: Wenn es uns nicht von Gott gegeben ist, das Heil zu erlangen, dann erlangen wir es niemals, durch nichts, was wir sind, tun, wie sehr wir uns auch anstrengen. Und wenn wir uns auf den Kopf stellen und uns ums Verrecken bemühen, nach Gottes Geboten und seinem Wohlgefallen zu leben, so nützt es nichts, wenn es Gott nicht gefällt, sprich: Wenn er uns nicht seinen Geist schenkt. Das liegt alles allein in seiner Hand. Wir vermögen nichts - und so ist es bei Luther auch eben um das freie Willensvermögen bestellt. Es ist nichtswürdig vor Gott und vermag nichts und kann nichts (nicht, dass der menschliche Wille Nichts wäre; er ist schon etwas, aber er gilt wie nichts).
Nun bleibt die Frage: Kann Gott denn einen (freien) Willen haben, wenn es keine Entscheidungsmöglichkeiten für ihn gibt, da er ja alles erschaffen hat, also auch die Entscheidungsmöglichkeiten?
Gott allein hat einen freien Willen. Das ist ein göttliches Attribut. Wenn er keinen freien Willen hätte, dann wäre er nicht Gott. Man muss aber im Hinterkopf behalten, dass Luther vom christlichen Gott spricht, den die Schrift offenbart bzw. der sich selbst in der Schrift, in seinem Wort, offenbart hat. Und das hat er uns offenbart: Dass er gütig, wahrhaft, treu und gerecht ist. Das ist nun wichtig für die Frage nach Gottes freiem Willen: Nur jemand, der frei ist, kann sich selbst zu etwas bestimmen, d. h., sich selbst das Gesetz sein und sich selbst Gesetze geben. Gott also ist autonom. Er hat sich von Ewigkeit her selbst dazu bestimmt, der Gerechte, Wahrhaftige und Gütige zu sein. Deshalb, weil er sich selbst so gesetzt hat, handelt er auch so, schließlich ist er treu und wahrhaftig. Wenn er das nicht wäre, würden seine Zusagen und Verheißungen nichts gelten, und dann hätte er sie umsonst gegeben.
Ich möchte hier noch mal die Sache mit Gottes Allmacht aufgreifen, dass sie keine bloße Potentialität ist. Wäre sie das, dann würde das heißen: Gott kann alles, weil er allmächtig ist, sowohl das, was er tut, als auch das, was er nicht tut. Aber dann hätte man Willkür in Gott, reines Belieben. Einen grausamen Gott, dessen Verheißungen nicht vertraut werden könnte. Aber Gott hat uns gesagt, dass er treu und wahrhaftig ist. Also kann das nicht sein: Reine Willkür in Gott. Seine Allmacht bedeutet vielmehr: Gott wirkt alles in allem, alles geschieht aufgrund seines Wirkens notwendig. Er hat sich selbst gesetzt, d. h., selbst sich bestimmt, gut und gerecht etc. zu sein. Damit hat er Möglichkeiten ausgeschlossen - bspw. ungerecht zu sein. Aber deswegen ist er nicht weniger allmächtig, da seine Allmacht nicht bloße Macht ist, die zerstört und tut, was sie will, sondern seine Allmacht bedeutet, dass Gott alles kann und auch notwendig tut, was er will und wozu er sich bestimmt hat. Und weil er wesenhaft treu und wahrhaftig ist, dürfen wir auch an diesem seinen Wesen festhalten, auch gegen allen Anschein.
Lax gesagt: Gott hat sich entschieden, wie er sein will. Und weil er treu sein will, ist er so, wie er es gesagt hat. Das ist keine Unfreiheit, sondern freie Entscheidung. Und sich selbst Gesetz sein setzt immer Freiheit voraus. So sieht es mit dem lutherschen Gottesbild aus.
Und es bleibt dann, dass wir keinen freien Willen haben XD