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Freier Wille?

Wenn man über den Menschen und seine Moral diskutiert, kommt man ja früher oder später auf die Frage, ob der Mensch überhaupt für seine Handlungen verantwortlich gemacht werden kann - und wenn nein, welchen Sinn der Begriff “Moral” dann noch hat.

Bist du SICHER? Könnte es nicht durchaus auch sein, dass es sich um einen biochemischen Prozess mit determiniertem Ausgang handelt, der bloß zu komplex ist, als dass ihn ein Mensch verstehen und mathematisch darstellen könnte? XD Jetzt könnten wir über Chaostheorie reden… Aber ich glaube, ich gehe lieber schlafen. (Und ja, eventuell bilde ich mir auch nur ein, eine Entscheidung zum Schlafengehen zu treffen, und in Wirklichkeit handelt es sich bloß um eine genau festgelegte Aneinanderreihung biochemischer Ereignisse…)

Eller, ich glaube ich liebe dich. xD

Aber um festzulegen, ob es eine Meinung überhaupt gibt, müsste man vorher feststellen, ob es überhaupt einen Gedanken gibt. Wenn wir das geklärt haben, kanns weiter gehen.

Hach, wenn der NC für theoretische Physik nicht so verdammt hoch wäre …

Das bildest du dir nur ein. XD

… erst mal müssten wir klären, wer überhaupt für das Problem zuständig ist: der theoretische Physiker oder der Theologe. Denn die eigentliche Frage dahinter lautet ja “gibt es Zufall”. Diesbezüglich argumentiert man üblicherweise entweder mit Quantenmechanik oder mit Gott. ;)
Denn wenn man von “nein” ausgeht, macht vieles keinen Sinn mehr: wenn zu einem bestimmten Zeitpunkt der Zustand der Elementarteilchen im ganzen Universum (also auch, aber nicht nur im eigenen Kopf) feststeht, ließe sich daraus theoretisch (mit sehr sehr SEHR komplizierten und praktisch nicht durchführbaren Berechnungen) der Zustand jedes Teilchens in der Zukunft exakt vorhersagen. (Ja ja, schöne Grüße an Herrn Heisenberg, ich weiß… Das führt hier zu weit.) In dem Falle gäbe es keinen “freien Willen”.
Juristisch ist das Problem übrigens wichtiger, als man denkt: immerhin würde es schwierig, zwischen “schuldfähig” und “nicht schuldfähig” zu unterscheiden. Unser gesamtes Gesellschafts- und Wertesystem basiert auf der Annahme eines freien Willens. Interessanterweise NUR beim Menschen, obwohl man auch bei Tieren so etwas wie “Willensäußerungen” kennt… Es macht mMn überhaupt keinen Sinn, sagen wir mal, einer Katze die Entscheidungsfähigkeit abzusprechen, einem Menschen aber nicht… Vielleicht sind die Entscheidungen eines Menschen intelligenter (und vielleicht auch nicht), aber das dürfte ja eigentlich keinen Einfluss auf die Frage haben, OB es sich um eine “Entscheidung” handelt oder nicht…

Ich lese ja im Moment die Reihe “Der goldene Kompass” wieder. Und die Vorstellung die dort erklärt wird, gefällt mir eigentlich ganz gut. Außerdem finde ich es sehr interessant, dass theoretische Physik in der einen als experimentelle Theologie in der anderen Welt bezeichnet wird. Aber die Theorie von unendlich vielen nebeneinander her existierenden Welten ist gar nicht so unwahrscheinlich. Kennst du Schrödingers Katze? Man sperrt eine Katze mit einem vergifteten Napf in eine Kiste. Man weiß nicht, ob sie das Gift gefressen hat, oder nicht, deswegen betrachtet man sie nun gleichzeitig als tot und lebendig. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert ein Würfelwurf, bzw die einfachste Form des Würfels, ein Münzwurf. Während die Münze in der Luft ist gilt sie gleichzeitig als Kopf und Zahl, bis sie auf dem Boden ankommt verändert sich die stochastische Wahrscheinlichkeit nicht, die reelle Möglichkeit bleibt also die ganze Zeit bestehen. Erst, wenn die Münze auf einer Seite zum Liegen kommt gibt es keine Wahrscheinlichkeit mehr, eine Möglichkeit ist ausgeschlossen.
Aber wer sagt mir, dass nicht genau in diesem Augenblick die Realität auseinander gerissen wird, um beiden Möglichkeiten Platz zu schaffen, um beide Wahrscheinlichkeiten Wahrheit werden zu lassen.
Das Universum, bzw das Multiversum ist riesen groß und wir kennen nicht mal den Bruchteil, in dem wir Leben. Ob es einen freien Willen gibt? Ich glaube schon. Aber vielleicht ist das Leben keine gerade Linie sondern ein Zickzack Kurs mit Sprüngen zwischen verschiedenen Welten, verschiedenen Möglichkeiten, nur damit jede Wahrscheinlichkeit Wahrheit werden könnte.

Natürlich müsste man dann auch dringend die Unterschiede zwischen Wahrheit, Wirklichkeit und Realität definieren.
Aber jede Definition ist wieder eine Unwahrscheinlichkeit, da wir eigentlich gar nicht definieren können, was wir nicht verstehen, oder?

Man spricht ja auch oft von Menschenwürde. Der Mensch hätte sich seine Würde in Jahrhunderten von Kriegen erkämpft. Aber bei wem hat er sie sich erkämpft? Bei der Natur? Bei sich selbst? Gibt es sowas wie eine Affenwürde? Woher wissen wir, ob wir nicht vielleicht doch, wie in “Per Anhalter durch die Galaxis” nur das zweitintelligenteste Geschöpf sind und eine Höhere Ordnung über und steht?

Sehr interessant in dieser Überlegung wäre auch, dass jeder Gedanke, jede Möglichkeit, die unserer Phantasie entspringt, wieder eine Welt würde. Es gäbe zum Beispiel auch ein Harry Potter Welt, oder ein Jurrasic Park.

Freier Wille? In wiefern frei? Frei, damit man eigene Entscheidungen treffen kann? Frei von Einflüssen von anderen Personen? Ist es eine eigene Entscheidung, wenn vor einem ein Stück Schokolade iegt und man es eigendlich nicht essen möchte, es aber nach einiger Zeit trotzdem tut, obwohl man es später wieder bereut? Oder wenn man in einen Laden geht und man eigendlich nur etwas Obst kaufen möchte, man sich aber trotzdem noch während des Wartens vor der Kasse einen Mars zu den Einkäufen legt? Hat man sich dann frei entschieden oder wurde man nur von den Gelüsten seines Körpers manipuliert, bzw ist es dann immer noch eine freie Entscheidung? Meiner Meinung nach wird der Freie Wille und die eigene Entscheidung in fast allen Fällen stark von der Außenwelt beeinflusst…

Haha, was für ein tolles Thema! So gut, dass ich es glatt wieder ausgraben muss Staubwegpust

Auch auf die Gefahr hin jetzt als Spielverderberin dazustehen würde ich aber behaupten wollen, dass Neurologie in der Diskussion nur bedingt etwas zu suchen hat.
Vom Philosophischen Standpunkt aus betrachtet ist es unerheblich, ob die Vorgänge in unseren Köpfen chemisch, elektrisch oder sonst wie sind, entscheidend ist nur, ob sie determiniert sind oder nicht. Nein, Chemische vorgänge im Gehirn und freier Wille schließen sich nicht zwangsläufig aus.
Die Frage nach der Willensfreiheit ist deutlich älter als die Neurologie und es haben sich aus der Neurologie bis jetzt keinerlei neue Hinweise zur Beantwortung ergeben. Dazu später nochmal :)

Erstmal ganz kurz zu den Begriffen:
Handlungsfreiheit: Die Möglichkeit, frei von äußeren Zwängen, nach dem eigenen Willen zu handeln
Willensfreiheit: Die Fähigkeit zu entscheiden, was der eigene Wille sein soll

Dazu muss man davon ausgehen, dass in uns immer verschiedene Handlungsimpulse (Wünsche) wirksam sind, von denen sich immer einige widersprechen. Ich will zum Beispiel einerseits gerne in den Urlaub fahren, andererseits will ich aber nicht einfach von der Arbeit fern bleiben (sei es aus Pflichtgefühl, oder weil ich Angst vor den Konsequenzen habe). Alle diese Handlungsimpulse sind determiniert (siehe Neurologie), aber ein Handlungsimpuls ist nicht gleich Wille.
Der Mensch hat die Fähigkeit, seine Wünsche logisch oder sonst wie abzuwägen und dann frei zu entscheiden, welchen davon er zu seinem Willen erheben will. Auch ein Handlungsimpuls, der von Natur aus stärker sein müsste, kann zugunsten von einem eigentlich schwächeren zurückgestellt werden, zum Beispiel das Verlangen nach Essen, nur weil man keinen schlechten Eindruck machen möchte, dabei wird der direkte Impuls zugunsten von abstrakten Abwägungen unterdrückt. Das ist der freie Wille: der Wunsch, von dem ich entschieden habe, dass ich ihn verwirklichen will, beziehungsweise die Fähigkeit, so eine Entscheidung zu treffen.
Genau da, in der Fähigkeit zur Abstraktion und zum abwägen zwischen den Handlungsimpulsen sucht man im allgemeinen den Unterschied zwischen Mensch und Tier, wobei ich da auch äußerst skeptisch bin…

So weit die Theorie, wenn man denn glaubt, dass der Mensch diese Entscheidung treffen kann.
Nietzsche meinte schon, der Begriff der Willensfreiheit sei nur von der Kirche erfunden wurde, um ihren Schuldbegriff zu etablieren. Bezeichnenderweise soll das Konzept der Willensfreiheit bei Augustinus das erste mal auftauchen und der war Bischof um das Jahr 400 rum. Passt irgendwie xD

Nö, dass es Gedanken gibt nehmen wir einfach als gegeben an. Damit kann man nichts falsch machen, denn wenn es doch keine Gedanken gibt, dann bilden wir uns sowieso nur ein, dass wir gerade über das Thema nachdenken, und wenn wir uns das nur einbilden, ist es egal, dass wir Blödsinn denken ;)

Auch die Physik ist meines Wissens mittlerweile bei Problemen angekommen, wo es eben nicht möglich ist, das Verhalten einzelner Teilchen vorherzusagen. Verbessere mich bitte, wenn es nicht stimmt, Physik ist nicht mein Gebiet :)
Ich würde aber auch gar nicht sagen, dass es Zufall geben muss, damit es einen freien Willen geben kann. Entscheidend ist nur, dass es eine Fähigkeit zur Abstraktion gibt, die individuell ist und schwächere Impulse engegen eigentlich stärkeren Impulsen handlungswirksam werden lassen kann. Der Wille ist ja auch nicht zufällig oder spontan - im Gegenteil, wir behaupten ja nur dann, er wäre frei, wenn eine Reflexion dazwischengeschaltet ist. Um Willensfreiheit zu ermöglichen brauchen wir sozusagen die Möglichkeit, die unwahrscheinlichere mögliche Reaktion in Gang zu setzen, wo es mehrere verschieden wahrscheinliche Möglichkeiten gibt.

Eine eigene auf jeden Fall, eine freie im Sinne der Willensfreiheit aber nicht, weil man es ja eigentlich nicht essen wollte, der Handlungsimpuls gegen den man sich entschieden hat dann aber doch stärker war ;)

Letztendlich wird man in jeder Entscheidung beeinflusst. Entweder von anderen Personen, der Umwelt allgemein oder von Ereignissen die eintreten.
So frei nach dem Motto (achtung - dämliches Beispiel) Mädel A: " Oh schau mal die hat das Kleid von xxx." Mädel B:" Oh das müssen wir uns kaufen."

In vielen Sachen kann man selbst entscheiden. Zum Beispiel welchen beruflichen Weg man einschlagen will. Heutzutage ist vieles möglich. Ob es sich um
Auslandssemester handelt und so weiter.

Man brauch sich nichts sagen zu lassen. Sollte sich aber einen Rat anhören, ehe man urteilt.

Das Thema ist hochinteressant und für mich gerade insofern auch hochaktuell, als dass ich momentan eine Hausarbeit über De servo arbitrio von Martin Luther schreibe.

Wie der Titel seiner Schrift (eine Widerlegung von De libero arbitrio des Erasmus von Rotterdam) schon sagt, legt Luther dar, dass es kein freies Willensvermögen gibt - wobei der Streitpunkt zwischen Luther und Erasmus dieser ist, wie es mit dem menschlichen Willensvermögen in Bezug auf die Dinge aussieht, die zum Heil nötig sind, d. h., was kann der Mensch für sein Heil tun und was ist das Werk der Gnade Gottes?

Luthers geistiger Vater ist in dieser Hinsicht nebst Paulus und Johannes Kirchenvater Augustinus, der seine Sünden- und Gnadenlehre und damit auch seine Lehre vom geknechteten Willensvermögen gegenüber den Pelagianern, die schonungslos den freien Willen propagierten, dargelegt hat. Luther bezichtigt Erasmus sogar, noch schlimmer zu sein als die Pelagianer und dem freien Willensvermögen noch mehr zuzuschreiben als es jemals einer vor ihm getan habe.

Luther konstatiert Folgendes: Gott wirkt alles in allem. Ihm allein und wesenhaft sind Allmacht und freier Wille. D. h., alles, was geschieht, geschieht mit Notwendigkeit , denn wenn Gott will, so führt er auch notwendig hinaus, was er will (zumal es kein indifferentes Willensvermögen gibt). Das ist seine Allmacht: Nicht eine totale Potentialität, sondern dass Gott kann und tut, wozu er sich selbst bestimmt hat (denn er hat ja einen freien Willen, deren Kennzeichen Autonomie ist). Wenn also alles mit Notwendigkeit geschieht, weil Gott es und in allem wirkt, so gibt es auf Seiten des Menschen kein freies Willensvermögen.

Des Weiteren: Da Gott alles in allem wirkt und geschieht, was er will, weil er es will (s. o.), bedeutet es, dass nichts zufällig geschieht, wenngleich es dem Menschen so erscheinen mag. Gott sieht und weiß also auch alles notwendig vorher , was geschieht. Auch hier ist evident: Der Mensch kann kein freies Willensvermögen haben, wenngleich er sich auch einbildet, eines zu haben bzw. wenngleich er das Gefühl hat, dieses oder jenes widerfahre ihm zufällig.

Nun, wo Luther also in seiner Schrift erweist, dass es das freie Willensvermögen nicht gibt, stellt sich die Frage der Schuldzuweisung und Verantwortung für die eigenen Taten. Es ist nicht so, dass Luther das nicht bedacht hätte. Natürlich kann Gott nicht für die bösen Taten des Menschen verantwortlich gemacht werden, da er wesenhaft gut und gerecht ist. Deshalb führt Luther das cooperari zwischen Gott und Mensch (Gott wirkt ins uns mit uns zusammen - d. h., wird sind bei der Tat dabei und können deshalb verantwortlich gemacht werden) aus sowie eine Unterscheidung zwischen dem allgemeinen Antrieb der Allwirksamkeit Gottes im Menschen, der den Geist nicht hat (und deshalb nicht anders kann als sündigen) sowie in dem Menschen, dem Gott den Geist gegeben hat (und der daher notwendig das Gute tut). Da Gott nicht nicht wirken und wollen kann (weil er wesenhaft Wille und Allmacht hat), treibt er jeden Menschen notwendig. Je nach dem, wie der Wille des Menschen nun gepolt ist (hier klingt Augustinus an), wird auch sein Werk sein, das durch den Antrieb Gottes hinausgetrieben wird. Gott treibt und reißt mit, aber die Qualität der Tat hängt von der Konstitution des menschlichen Willensvermögens ab. So bleiben Schuld und Verantwortung beim Menschen und nicht bei Gott, der nur treibt, was im Menschen ohnehin ist.

Es ist immer in Hinterkopf zu behalten: Es geht um die Frage, was der Mensch bzw. das menschliche Willensvermögen in Bezug auf das Heil verrichten kann. Im Blick auf Gott gibt es beim Menschen kein freies Willensvermögen, nicht einmal passive Rezeptivität. Nichts, was von ihm ausgehen könnte, um der Gnade teilhaftig zu werden. Aber im Blick auf das, was ihm unterstellt ist, wie er mit seinem Vermögen, Besitz etc. verfährt - also im Blick auf die ihm unterstellten weltlichen Dinge, attestiert Luther dem Menschen so etwas wie freie Verfügungskraft, eine Art weltliches freies Willensvermögen - wobei selbstverständlich immer bewusst sein muss: Gott wirkt alles in allem und in cooperari mit dem Menschen.

Ich weiß nicht, ob das für euch nun von Interesse war, aber auf diese Weise kommt noch mal eine theologische Sichtweise dazu. Vielleicht findet ihr Luther auch kontrovers und stürmt gleich heftig gegen mich an XD Oder vielleicht auch nicht, und lasst ihn einfach so stehen. Jedenfalls, da ich mich grad damit beschäftige, wollte ich einmal diese Position referiert haben. ^^

@Caladrius
Ich fand’s interessant. Es wäre aber noch toller, wenn du hinter die lateinischen Begriffe die deutschen schreiben könntest, weil ich jetzt gar nicht weiß, was “De servo arbitrio” oder eben “De libero arbitrio” heißt.

In der Philosophie und Wissenschaft fragt man sich ja schon seit der Antike, ob es einen freien Willen überhaupt gibt. Es gibt sowohl die Theorie des Determinismus (alles ist kausalen Zusammenhängen unterworfen) und des Indeterminismus (Zufall).

Luther ist anscheinend Anhänger der zweiten Theorie und genau darin liegt der Knackpunkt: ausgehend von einem omnipotenten pantheistischen Gott (allmächtiger Gott in allem), der als einziger über einen freien Willen verfügt, alles lenkt, gibt es keinen Zufall, denn ein Zufall läge außerhalb des Machtbereichs Gottes.
Wie ist also der Wille des Menschen einzuordnen? Ist er frei, also unabhängig von Gott, hieße das, dass Gott keineswegs in allem ist. Ist Gott in allem, wäre er auch im Wille des Menschen, und folglich (mit)verantwortlich für das, was geschieht.

Mit der Komponente Gott ist alles vorherbestimmt, wenn man davon ausgeht, dass Gott allmächtig und allwissend ist. Gott weiß somit, was in der Zukunft passieren wird. Er weiß genau, welcher Mensch in den Himmel kommt und welcher in der Hölle landet. Ein freier Wille existiert nur, wenn das Ergebnis bzw. die Zukunft ungewiss ist. Sobald Gott weiß (also immer schon), dass Person X in der Hölle landet, kann Person nur etwas tun, um in der Hölle zu landen, sonst wären Gottes Prognosen ja falsch und dessen Allwissenheit und Allmacht widerlegt.
Das bedeutet letztlich, dass alles vorherbestimmt ist seit Anfang an, und “gut” und “böse” ihren Ursprung in Gott haben müssen.

Nun bleibt die Frage: Kann Gott denn einen (freien) Willen haben, wenn es keine Entscheidungsmöglichkeiten für ihn gibt, da er ja alles erschaffen hat, also auch die Entscheidungsmöglichkeiten?

Voooooooooorsicht: “nicht vorhersagbar” bedeutet noch lange nicht “nicht determiniert”! Insbesondere Heisenberg hat doch recht interessant dargelegt, dass es z.B. zwar möglich ist, dass ein Teilchen einen Ort und einen Impuls hat, aber nicht möglich ist, beides gleichzeitig beliebig genau zu “beobachten”… Also ist es auch unmöglich, überhaupt irgendeine Aussage darüber zu treffen, ob das Verhalten des betreffenden Teilchens determiniert ist oder nicht. Auch zwischen anderen physikalischen Größen gibt es Unschärferelationen.

Zuerst erst mal dieses: Verweist mich bitte der Diskussion oder löscht meinen Beitrag, wenn ich hier fehl am Platze bin oder total am Thema vorbei schieße. Ich bin mir selbst nicht sicher; von daher bitte ich euch um eure Hilfe, dass ich da nichts falsch mache. Also weist mich einfach drauf hin oder zurecht, das wäre nett :3

weil ich jetzt gar nicht weiß, was "De servo arbitrio" oder eben "De libero arbitrio" heißt.
'de servo arbitrio' ist 'Über den geknechteten Willen' - Luther selbst bezieht sich mit diesem Titel auf Augustinus, der in seiner Schrift contra Iulianum II,8,23 auch von einem 'servum arbitrium' spricht.

‘de libero arbitrio’ ist entsprechend ‘Über den freien Willen’ - Die Schrift des Erasmus hat damit denselben Titel wie eine der Frühschriften von Augustinus, in denen er noch davon ausgeht, dass der Mensch einen freien Willen habe, was er aber später zurücknimmt und zu anderen Einsichten gelangt.

Es gibt sowohl die Theorie des Determinismus (alles ist kausalen Zusammenhängen unterworfen) und des Indeterminismus (Zufall).

Luther ist anscheinend Anhänger der zweiten Theorie …


Mit der zweiten Theorie meinst du den Indeterminismus, wenn ich dich richtig verstanden habe? Luther selbst verneint, dass es Zufall gäbe, weil schließlich alles durch Gottes Allmacht, die Allwirksamkeit ist, und daraus folgend seiner Providenz und Präszienz notwendig vorherbestimmt ist und notwendig geschieht. D. h., bei Gott geschieht nichts durch Zufall, wie du ja auch richtig feststellst.
Allein aus der Perspektive des Menschen könnte angenommen werden, es gäbe den Zufall oder das Schicksal oder wie man es nennen will, weil der Mensch einfach eben nicht vorhersehen oder vorherwissen kann und auch keine Einsicht in die Zusammenhänge des Weltgeschehens hat. Aus der göttlichen Perspektive betrachtet, gibt es so etwas aber nicht.
Allerdings finde ich es schwierig, in Bezug auf Luther mit (In)Determinismus zu operieren, da einerseits die von Gott gewirkte Schöpfung aus dem Nichts als indeterminierte Handlung klassifizierbar ist, andererseits der Mensch, obwohl er aufgrund des allgemeinen Antriebs göttlicher Allmacht oder des Geistes Gottes notwendig Böses oder Gutes tut, nicht im strengen Sinne determiniert ist, sodass ihm keine Verantwortung und Schuld mehr zugewiesen werden könnten. Wiederum gibt es aber eben auch keinen Zufall.
Ich glaube, im Sinne Luthers wäre es eher, die menschliche Perspektive hintanzustellen und die göttliche Perspektive als maßgeblich zu betrachten.
Wie ist also der Wille des Menschen einzuordnen? Ist er frei, also unabhängig von Gott, hieße das, dass Gott keineswegs in allem ist. Ist Gott in allem, wäre er auch im Wille des Menschen, und folglich (mit)verantwortlich für das, was geschieht.
Der Wille des Menschen ist absolut nicht frei oder unabhängig von Gott, denn Gott wirkt alles in allem und was er will, wirkt er notwendig, weil er sich von Ewigkeit her dazu bestimmt hat. Gott ist Wirktmacht und kann nicht nicht wirken. Es ist richtig (ich spreche hier immer noch mit Luther und stelle seine Position dar, bitte nicht missverstehen), wenn du sagst, dass, wenn Gott alles in allem wirkt, er auch im Willen des Menschen ist. Das ist das Wesen des *cooperari* zwischen Gott und Mensch: Gott wirkt in uns und treibt uns. Der menschliche Wille kann nicht ruhen, ist nicht indifferent, sondern will immer irgendetwas und treibt sich nicht selbst an (denn etwas, das sich als Ruhendes aus sich selbst heraus bewegt, gibt es nicht, so jedenfalls die antike Philosophie), sondern das tut Gott. Das heißt, wenn ich Gutes tue, treibt mich innerlich Gott, und wenn ich Böses tue, treibt mich innerlich auch Gott. In nichts, was ich tue, ist Gott nicht mein Antrieb. Nun zu sagen: Gott wirkt aber das Böse nicht, das ich tue, oder: Gott ist nicht verantwortlich für meine böse Tat, sondern ich - das ist provokant und paradox. Aber Luther sagt es. Und erklärt es folgendermaßen: Da Gott notwendigk wirkt und treibt, weil es seinem Wesen entspricht und er ansonsten nicht Gott wäre, hört er auch nicht auf, den Menschen notwendig zu treiben und in ihm zu wirken. Das darf man sich nun aber nicht so vorstellen, dass Gott in persona in uns handelt, sondern dass wir ergriffen sind vom allgemeinen Antrieb seiner Allmacht. D. h., so, wie ich bin, mit meiner spezifischen, individuellen Willensausrichtung, treibt mich Gott, sodass ich agiere. Er ist der Reiter, ich bin das Pferd. Wenn ich ein gesundes Pferd bin, werde ich schnell und gut laufen, wenn mein Reiter mich treibt. Bin ich aber ein lahmendes Pferd, werde ich schlecht laufen, wenngleich der Reiter mit exakt auf dieselbe Weise treibt wie wenn ich ein gutes Pferd wäre. Das ist mit diesem Antreiben Gottes gemeint: Er treibt bloß und entsprechend der Ausrichtung meines Willens ist qualifiziert, was ich hinausführe unter Antrieb Gottes. Deswegen - da Gott in den Gottlosen und in denen, denen er seinen Geist geschenkt hat, strukturell gleich handelt, liegen die Verantwortung für das Handeln und die Schuld beim Menschen. Schließlich ist die Natur des Menschen verderbt, nicht die göttliche.

Davon abgesehen sind das Fragen der weltlichen, menschlichen Rechtsprechung und wie wir versuchen, unser Leben zu ordnen und ein funktionierendes, gesichertes Zusammenleben zu organisieren. Deshalb brauchen wir natürlich Kategorien, um zu entscheiden, was Recht und was Unrecht ist. Was bei Gott allerdings Recht und was Unrecht ist, d. h. die Maßstäbe der göttlichen Gerechtigkeit: Davon wissen wir hienieden nichts. Es ist auch nicht Sache des Menschen, hienieden nach göttlicher Gerechtigkeit zu richten. Das kann der Mensch nicht und das muss er auch nicht. Genauso wenig aber muss Gott nach menschlicher Gerechtigkeit verfahren. Bevor Gott angeklagt wird, muss man zwischen ihm und dem Menschen stets klar unterscheiden.

Mit der Komponente Gott ist alles vorherbestimmt, wenn man davon ausgeht, dass Gott allmächtig und allwissend ist. Gott weiß somit, was in der Zukunft passieren wird. Er weiß genau, welcher Mensch in den Himmel kommt und welcher in der Hölle landet. Ein freier Wille existiert nur, wenn das Ergebnis bzw. die Zukunft ungewiss ist. Sobald Gott weiß (also immer schon), dass Person X in der Hölle landet, kann Person nur etwas tun, um in der Hölle zu landen, sonst wären Gottes Prognosen ja falsch und dessen Allwissenheit und Allmacht widerlegt.
Schlimm, das zu sagen, aber: Ja! Gott kennt die Seinen, zitiert Luther fleißig. Prinzipiell ist das ganze Menschengeschlecht verdammungswürdig. Gott allerdings errettet einige. Der Rest wird verdammt und vergehen. Dabei spielt es keine Rolle, wie wir als Menschen die anderen Menschen beurteilen. Wenn wir finden, Person X ist sehr gottesfürchtig und fromm, ist das keine Gewähr, dass Person X auch vor Gott Gefallen findet. Vielleicht wird Gott Person Y, die wir nicht für auserwählt halten, von Gott errettet. Soll heißen: Wenn es uns nicht von Gott gegeben ist, das Heil zu erlangen, dann erlangen wir es niemals, durch nichts, was wir sind, tun, wie sehr wir uns auch anstrengen. Und wenn wir uns auf den Kopf stellen und uns ums Verrecken bemühen, nach Gottes Geboten und seinem Wohlgefallen zu leben, so nützt es nichts, wenn es Gott nicht gefällt, sprich: Wenn er uns nicht seinen Geist schenkt. Das liegt alles allein in seiner Hand. Wir vermögen nichts - und so ist es bei Luther auch eben um das freie Willensvermögen bestellt. Es ist nichtswürdig vor Gott und vermag nichts und kann nichts (nicht, dass der menschliche Wille Nichts wäre; er ist schon etwas, aber er gilt wie nichts).
Nun bleibt die Frage: Kann Gott denn einen (freien) Willen haben, wenn es keine Entscheidungsmöglichkeiten für ihn gibt, da er ja alles erschaffen hat, also auch die Entscheidungsmöglichkeiten?
Gott allein hat einen freien Willen. Das ist ein göttliches Attribut. Wenn er keinen freien Willen hätte, dann wäre er nicht Gott. Man muss aber im Hinterkopf behalten, dass Luther vom christlichen Gott spricht, den die Schrift offenbart bzw. der sich selbst in der Schrift, in seinem Wort, offenbart hat. Und das hat er uns offenbart: Dass er gütig, wahrhaft, treu und gerecht ist. Das ist nun wichtig für die Frage nach Gottes freiem Willen: Nur jemand, der frei ist, kann sich selbst zu etwas bestimmen, d. h., sich selbst das Gesetz sein und sich selbst Gesetze geben. Gott also ist autonom. Er hat sich von Ewigkeit her selbst dazu bestimmt, der Gerechte, Wahrhaftige und Gütige zu sein. Deshalb, weil er sich selbst so gesetzt hat, handelt er auch so, schließlich ist er treu und wahrhaftig. Wenn er das nicht wäre, würden seine Zusagen und Verheißungen nichts gelten, und dann hätte er sie umsonst gegeben. Ich möchte hier noch mal die Sache mit Gottes Allmacht aufgreifen, dass sie keine bloße Potentialität ist. Wäre sie das, dann würde das heißen: Gott kann alles, weil er allmächtig ist, sowohl das, was er tut, als auch das, was er nicht tut. Aber dann hätte man Willkür in Gott, reines Belieben. Einen grausamen Gott, dessen Verheißungen nicht vertraut werden könnte. Aber Gott hat uns gesagt, dass er treu und wahrhaftig ist. Also kann das nicht sein: Reine Willkür in Gott. Seine Allmacht bedeutet vielmehr: Gott wirkt alles in allem, alles geschieht aufgrund seines Wirkens notwendig. Er hat sich selbst gesetzt, d. h., selbst sich bestimmt, gut und gerecht etc. zu sein. Damit hat er Möglichkeiten ausgeschlossen - bspw. ungerecht zu sein. Aber deswegen ist er nicht weniger allmächtig, da seine Allmacht nicht bloße Macht ist, die zerstört und tut, was sie will, sondern seine Allmacht bedeutet, dass Gott alles kann und auch notwendig tut, was er will und wozu er sich bestimmt hat. Und weil er wesenhaft treu und wahrhaftig ist, dürfen wir auch an diesem seinen Wesen festhalten, auch gegen allen Anschein. Lax gesagt: Gott hat sich entschieden, wie er sein will. Und weil er treu sein will, ist er so, wie er es gesagt hat. Das ist keine Unfreiheit, sondern freie Entscheidung. Und sich selbst Gesetz sein setzt immer Freiheit voraus. So sieht es mit dem lutherschen Gottesbild aus.

Und es bleibt dann, dass wir keinen freien Willen haben XD

Damit sich ein freier Wille offenbaren kann, braucht es aber mindestens eine Dualität. Gott kann nicht gütig sein, wenn es nicht auch nachtragend gibt. Er kann nicht gerecht sein, wenn es nicht auch ungerecht gibt. Und so weiter. Eine Autonomität steht auch in Relation zu etwas. Man kann nicht autonom sein, wenn man das einzige Existente ist. Und damit meine ich jetzt erst einmal nicht die “innere” Relation der Begriffe (“des einen Glück, des anderen Leid”).

Und wenn Gott etwas erschafft aus dem Nichts, also aus sich selbst heraus, ist das Sein ***** ebenfalls Teil seiner Selbst. Raum und Zeit sind damit Teil Gottes. Einzig, wenn die Körperlosigkeit, also der “Geist” Gottes sich vom Erschaffenen trennt, kann man von Autonomität sprechen. Allerdings ist Autonomität nur selbstbezogen, was bedeuten würde, dass der getrennte Rest eben selbst autonom oder fremdbestimmt wäre.
Um bei deinem Ross-und-Reiter-Beispiel zu bleiben: ja, der Reiter lenkt das Pferd. Aber wenn das Pferd keinen Bock hat, tut sich da nichts, denn der Reiter ist nicht allmächtig. Nur, weil der Wille des einen, dem Willen des anderen gegenüber steht, kann man überhaupt von einem freien Willen sprechen. Ganz unabhängig davon, wessen Wille letztlich siegt.

Wessen Wille steht also dem Gottes gegenüber, wenn wir keinen freien Willen haben und Gott der Allmächtige und Omnipräsente ist? Was meinst du, mal unabhängig von Luther, dessen Meinung ich nicht plausibel finde?

***** Laut Bibel ja nicht, denn am Anfang schwebte der Geist Gottes über dem Wasser… woher auch immer das kam…

uuh spannendes Thema aufzeig…^^
Das haben wir letztens in Psychologie/ Philosophie durchgenommen und diskutiert und da hat das Thema mich schon gefesselt. Über die von dir gestellte Frage gibt es sogar unter einigen Wissenschaftler bzw. Philosophen einige Uneinigkeiten. Aus neurologischer Sicht entsteht unser Handeln und Denken mit Hilfe von elektrischen Impulsen bzw. chemischer Prozesse, wofür unser Ghirn verantwortlich ist. Die entscheidende Frage ist doch (imo), ob wir selbst uns für etwas entscheiden oder ob wir vom Gehirn “gesagt” bekommen wofür wir uns entscheiden. Dazu gab es interessante Experimente zum Beispiel von Benjamin Libet: hier der Link, falls es euch interessiert http://de.wikipedia.org/wiki/Libet-Experiment
Das Ergebnis scheint zu beweisen, dass der freie Wille eine Illusion ist, doch trotzdem gibt es genügend Skeptiker. Unter anderem mich… das hat aber keine wissenschaftlichen Gründe: Ich möchte mir einfach nicht meinen freien Willen abschwatzen lassen ^^.
Alles in allem ist das ein sehr komplexes Thema und momentan stehen unseren Wissenschaftlern nicht die notwendige Technologie zur Verfügung, um unser Gehirn vollend zu erforschen… Eine weiter Möglichkeit ist, dass wir selbst es nie schaffen werden, da wir ja “mit unserem Gehirn über unser Gehirn forschen wollen”, das heißt, wenn Libet Recht hat, wird das eher problematisch.
Wie gesagt, alles sehr komplex und letztendlich kann es sein, dass wir nie eine Antwort erhalten, aber solange ich mich selbst “als mich selbst”, also als Individuum wahrnehmen kann, ist das kein drama für mich persönlich. :)

Liebe grüße
-Ina