Da das “Bamboo”-Papier doch auf einiges Interesse zu stoßen scheint (ich dachte, es wäre nur für Exzentriker wie mich interessant, aber so kann man sich irren XD), schreibe ich doch mal einen ausführlichen Testbericht… (Werde ich auch in meinem Animexx-Weblog posten.)
Zu beachten ist: Das Papier hat einen warmen Weißton, ist also nicht reinweiß, aber auch nicht dunkel genug um als getönt zu gelten… So einen GANZ leichten Beige-Stich eben. Bei einem normalen, farblich ausgewogenen Bild wird man das überhaupt nicht bemerken, und bei einem Bild, das komplett in warmen Farbtönen gehalten ist, ist so ein leichter Effekt ja sogar erwünscht - nur wenn man ein Bild komplett in kalten Farben (z.B. Blautönen) malen will, muss man ein bisschen aufpassen, da diese Töne ein bisschen gedämpft werden bzw. einen kaum merkbaren Graustich bekommen. Fällt aber kaum auf und wird nur die sehr, sehr pingeligen Benutzer stören. (Und bei deckenden Farben stellt sich die Frage ja sowieso nicht.)
Die Struktur ist leicht wolkig und folgt keinem festen Muster (wie z.B. Linien oder so), ist aber trotz der Unregelmäßigkeit über große Flächen erfreulich homogen. Es sind keine Verunreinigungen im Papier, der optische Eindruck ist also sehr, sehr gut. Die Vertiefungen und Erhebungen sind jeweils ziemlich flach, so dass man die Struktur je nach verwendeter Technik teilweise kaum sieht.
Das Papier ist sehr weich und saugfähig, so dass ich eine kleine Warnung an die Aquarell-Fans aussprechen muss: Das Papier muss auf jeden Fall ordnungsgemäß aufgespannt werden, sonst wellt es! Oder man legt das Blatt einmal in die Badewanne und presst es dann zwischen zwei Handtüchern, damit es vorgedehnt ist. Diese Vorbereitungen sind unbedingt notwendig, das Malen “auf dem Block” ist großflächig nicht möglich. Fans von Nass-in-Nass-Techniken sollten sich vielleicht ebenfalls nach einem anderen Papier umsehen. Aber da ich Aquarellpapier sowieso brav aufspanne, stört mich das nicht weiter - immerhin kostet das EINZIGE Papier in meiner Sammlung, das wirklich komplett frei von diesem Dehneffekt ist (also das ECUS…) - so ca. das sechsfache. (Was sogar mich schaudern lässt.) Hier macht man also ganz klar Zugeständnisse an den Preis. Übrigens haben alle anderen Hahnemühle-Aquarellpapiere, auch die noch teureren, das gleiche Problem.
Auf kleinen Flächen (wie z.B. einer Kakao-Karte) gibt es jedoch keine Probleme. Sowieso lassen sich kleine Flächen sehr gleichmäßig colorieren. Wenn man nicht will, dass sich die Farbe in den Vertiefungen sammelt, kann man die Farbe sogar problemlos verwischen, ohne dass sich Fussel vom Papier lösen.
Was mich allerdings wirklich nervt, ist, dass die Farben, sobald sie trocknen, tief ins Papier einziehen, so dass sie sich nicht mehr richtig auswaschen lassen. Nachträgliche Korrekturen werden so erschwert. Aber das ist ebenfalls ein Problem, das leider so ziemlich alle Aquarellpapiere in der Preisklasse unter 30€ pro Block haben. :( Und wenn man bedenkt, dass das Bamboo gar kein “reines” Aquarellpapier ist, schneidet es zugegebenermaßen noch recht gut ab.
Die Farben neigen dazu, scharfe Kanten zu bilden. Das ist jetzt keine Wertung, nur eine Feststellung - es gibt ja auch Papiere, wo die Farben eher dazu neigen, zu verlaufen. Hier bleiben die Farben aber exakt da, wo sie aufgetragen wurden. Wenn man mit festen Outlines arbeitet, ist das sogar ein Vorteil. Mehrere Farbschichten (also Lasuren) kommen dadurch ebenfalls sehr gut zur Geltung, man erreicht tolle Transparenz-Effekte.
Auch die normale Technik “Outlines mit Tusche, Colo mit Aquarell” macht keine Probleme. (Fineliner sind natürlich wegen der Saugfähigkeit des Papiers KEINE Option.) Da die Vertiefungen der Struktur sehr flach sind, werden auch feine Tuschelinien nicht beeinträchtigt.
Acrylmalerei funktioniert ohne irgendwelche Komplikationen - da man dabei naturgemäß wenig Wasser braucht, bleibt das Papier flach.
Bei Buntstiften muss man aufpassen, dass man schön weiche nimmt, also bevorzugt Aquarellstifte. (Oder Pastellstifte, aber dann ist man bei Pastell, wofür das Papier mMn auch wirklich am Besten geeignet ist.) Ölhaltige Stifte (wie z.B. Polychromos) drücken eher Rillen ins Papier als dass sie eine kräftige Farbspur hinterlassen. Dagegen habe ich mit den “Albrecht Dürer”-Aquarellstiften von Faber Castell sehr hübsche Ergebnisse erzielt.
Für Bleistiftzeichnungen empfehe ich weiche Stifte ab 2B, für andere ist das Papier zu weich. Kohle und Kohlestifte gehen gut.
Mein Hauptverwendungszweck für dieses Papier ist aber natürlich die Pastellmalerei. Hier gilt: das Papier hält qualitativ dem Vergleich mit JEDEM beliebigen anderen Pastellpapier stand. Es gibt keinerlei Mängel, sowohl Verwischen funktioniert super (man kann sogar Farben auf dem Papier mischen! Funktioniert nicht bei jedem Papier…) als auch das Zeichnen mit harten Umrissen.
Farbverläufe werden enorm gleichmäßig.
Schön ist auch, dass man sich aussuchen kann, ob man auf dem fertigen Bild die Papierstruktur sehen möchte oder nicht: Verwischt man die Kreide, verschwindet die Struktur optisch fast völlig (von weitem sieht man absolut nichts), rubbelt man dagegen mit der breiten Seite der Kreide, haftet die Farbe natürlich nur an den Erhebungen, wodurch die Struktur betont wird. (Besonders interessant ist dieser Effekt natürlich, wenn man über einen Farbbereich diese Art “Gitter” in der Komplementärfarbe legt…)
Dadurch, dass das Papier so weich ist, werden die Farbpigmente gut angenommen und haften stark, man braucht kaum zu fixieren.
Ob man sich das Papier als Pastellmaler zulegt, ist also ausschließlich eine Frage des persönlichen Geschmackes. Was die Qualität angeht, braucht man sich keine Gedanken zu machen.
Genau aus dem Grund entwickelt sich das “Bamboo” auch langsam aber sicher zu meinem Standard-Papier. Als Aquarellpapier ist es eher guter Durchschnitt, aber als Pastellpapier kaum zu schlagen. Und da es deutlich günstiger ist als entsprechende Spitzenprodukte, lohnt sich die Anschaffung wirklich.