Da hast du recht @Woodswallow, ich schreibe tatsächlich sehr viel und gerne (allerdings in letzter Zeit mehr Fanfiction, wo ich mittlerweile bald 800 Seiten habe, da ich bei meinem Buch aktuell auch etwas fest hänge, aber dazu gleich mehr) und da meine Schriftstellerei mir ebenso wichtig ist wie meine Kunst, kann ich mit Freunden auch etwas darüber erzählen wie ich arbeite und auf meine Ideen komme :)
Gleich vorweg: nein, ich kann mich nicht einfach hinsetzen und drauflos schreiben. Wie beim zeichnen auch brauche ich dafür das richtige “Mindset”, was bedeutet, dass ich in meine Welt “eintauchen” und mich in die Charaktere rein versetzten muss, sonst bekomme ich nichts vernünftiges hin. Oft mache ich es also so, dass ich das Licht ausschalte, eine Kerze oder mehrere anzünde und mir mein Tintenfass hinstelle, denn ich schreibe im ersten Durchgang immer traditionell per Feder. Dabei entsteht dann eine “Rohform” meiner Story, man mag fast sagen eine Skizze, die ich dann später beim abtippen “verfeinere”. Ich habe mal gelesen, dass das Geheimnis des Schreibens das rewriting ist und bei mir trifft das auch vollkommen zu. Dadurch, dass ich mir sage, dass es zunächst nicht perfekt werden muss nehme ich mir den Druck etwas und kann die Story einfach auf’s Papier fließen lassen, ohne mich von Wortdopplungen oder ungestümen Formulierungen aufhalten zu lassen. Wenn ich es abtippe kann ich ja immer noch Formulierungen ändern oder den Thesaurus schwingen und schönere Synonyme finden.
Meine Inspiration für meine Geschichten bekomme ich durch den Alltag, genauer gesagt meist durch die Psychoanalyse. Egal ob ich jetzt mit anderen Leuten zu tun habe, ich einen Film sehe, ein Game genieße oder mich selbst hinterfrage, ich finde es immer spannend wie Menschen “ticken”, was ihre Schwächen und Ängste sind, was sie motiviert oder hemmt, woher es kommt, wie es sie beeinflusst oder woher sie ihre Stärken gewinnen. So etwas zu analysieren macht mir Spaß und auch meine Charaktere entstehen auf jene Art und Weise.
Um mein Buch als Beispiel zu nehmen: es begann mit einem Gedicht, das ich schrieb, als es mir nicht gut ging und ich an mir und meiner Familie, meinem ganzen Leben zweifelte. Jenes Gedicht wurde zur Grundlage für die erste Hälfte der Geschichte und als Basis für meinen Helden, Vyon. Auch er erfährt einen Schicksalsschlag und stellt infolge dessen seine ganze Welt in Frage, woraufhin er auf eine Reise aufbricht um sein wahres Selbst zu finden. Doch nicht nur er ist so ein Beispiel, viele meiner Hauptcharaktere haben etwas von mir - mein Barde zum Beispiel ist Sinnbild für meine künstlerische Seite und sein Mangel an Selbstvertrauen stammt ebenfalls von mir. Doch er wächst über sich hinaus, ebenso wie andere Charas ihre persönlichen Schwierigkeiten mehr oder minder erfolgreich bezwingen (weswegen meine Geschichten auch oft etwas von indirekter "Selbsttherapie haben -lacht- Wenn meine Protagonisten mit ähnlichen Dingen wie ich zu kämpfen haben, aber die Probleme überwinden, dann finde ich dadurch auch einen Weg).
Es ist mir wichtig, dass jeder Chara so seine Entwicklung hat, die er im Laufe der Handlung durchläuft, sei es nun zum positiven oder auch negativen – denn wie im echten Leben endet nicht alles im Happy End. Der Leser soll sie begleiten, mit ihnen mitfiebern und sie auch verstehen, vielleicht auch sich selbst in ihnen erkennen. Positiver Nebeneffekt dessen ist auch, dass es die Handlung direkt „realistischer“ macht – denn auch wenn man selbst vielleicht jetzt gerade kein hochgewachsener Elf oder Magier ist (xD), ihre Gefühls-&Gedankenwelt macht sie gleich glaubwürdiger. Darum haben selbst die “Bösen” bei mir immerzu recht gute Beweggründe, auch wenn ihre Taten manchmal fragwürdig sind. Hand auf’s Herz: jemand, der einen Verlust erlitten hat und daran zerbricht ist viel spannender als ein Bösewicht der einfach so die Weltherrschaft erlangen will weil er “böse” ist (weswegen ich in Filmen etc. auch oft eben die villains spannender finde als eindimensionale Helden X’D).
Doch eben jenes, die Sympathie des Lesers ist was mir aktuell Kopfschmerzen bereitet. In meinem Buch wird bald kurz vor Ende des ersten Bandes einer der Hauptakteure verschwinden und im folgenden eine extreme Veränderung durchmachen, doch ich habe Angst, dass es dem Leser egal sein wird und kalt lässt, da er ihn noch nicht genügend kennengelernt hat. Ich muss also am pacing arbeiten, ihm noch mehr Gelegenheit geben zu zeigen wer er ist, damit man ihn nicht nur als Comic relief ansieht, sondern eben versteht was er durchmacht und erkennt, dass sein Verhalten im Grunde nur eine Maske ist. Als ich dann gegrübelt habe wie ich das am besten mache, ohne unnötige Filler einzubringen, sind mir mehrere Schwächen und zum Teil auch offene Fragen und plotholes an anderen Stellen aufgefallen, sodass ich lange Zeit ziemlich festgefahren war und nur noch zweifelte.
Doch dann habe ich vor kurzem aus Zufall Videos gesehen, die die einzelnen Archetypen in Geschichten analysieren und mir fielen einige Gemeinsamkeiten zu einigen meiner Charaktere auf, wodurch ich mich dann hinsetzte und einzelne Dokumente (dieses Mal direkt digital am PC) schrieb in denen ich grob aufzählte was die Ausgangslage jedes einzeln ist, wie es dazu kam, was ihr privates Hauptproblem ist und wohin sie sich wie entwickeln sollen. Dadurch, dass ich es losgelöst vom Gesamtkontext und fokussiert auf jeden Fall einzeln schrieb kamen mir komplett neue Ideen und Ansätze wie ich mein Dilemma lösen kann. Hoffentlich kann ich das bald auch anwenden ^_^
Ihr seht also, die Analyse ist bei mir wirklich ein großer Teil des Schreibens, die Welt entsteht dabei automatisch, basierend darauf wo die einzelnen Charas leben und wie ihre Kultur sie prägt. Inspiration dafür schöpfe ich aus Themen die mich reizen, was meist Medieval Fantasy ist, aber auch Mythen wie jene der Antike oder aus Japan findet man in meinen Werken wieder (eine Reihe von Kurzgeschichten die ich nebenher schreibe namens “Tales of Youkai” spielt beispielsweise gänzlich in einer fiktiven Welt die auf der Mythologie Japans beruht).
Ich breche dabei allerdings auch gerne mit Klischees, die Dunkelelfen in meinem Buch, von denen man zum Beispiel meint sie seien die Fieslinge, da sie in einem Land ewiger Finsternis leben entpuppen sich schließlich als die missverstandenen “Guten”, während Menschen bei mir selten eine positive Rolle spielen. Hier steckt auch oft eine große Portion Gesellschaftskritik an unserer Welt drin und eine andere meiner Stories die in einer teils dystopischen Version der Realität spielt, hat wiederum genau jene Kritik am Menschen (und am Thema Religion) als Grundlage.
Oh und ein paar der Ansätze die hier bereits erwähnt wurden mache ich auch, allerdings eher wenn ich feststecke oder mich zum schreiben motivieren will – also beispielsweise diese „was wäre wenn“ Grübelei. Oder ich habe auch sehr oft ne Art „Kopfkino“ (oder ganze Storyträume des Nachts, wo ich mich dann am nächsten morgen auch noch komplett dran erinnere X’D) die ich dann meistens in kurzen Konzeptdokumenten (meistens so ein bis drei Seiten lang) festhalte. Das sind dann meistens völlig ausgefeilte Ideen für Szenarien die ich eventuell in die Geschichten einbaue, als Kurzgeschichten ausformuliere oder einfach so ansammle und ab und zu überfliege, wenn ich Inspiration suche :) Manchmal reicht es auch schon um einfach dadurch ein besseres Gefühl für meine Charaktere zu bekommen, ohne dass ich jenes Konzept wirklich umsetze.
Puh…Verzeiht, dass dies ein wenig lang geraten ist x’D Aber ich denke man merkt, dass ich nicht nur zum Spaß schreibe sondern mir jede Menge Gedanken mache, nicht zuletzt da ich auch plane meine Geschichten irgendwann zu veröffentlichen. Um deine weitere Frage zum Schluss zu beantworten: nein, ich tausche mich deshalb auch sehr selten mit anderen Leuten über meine Ideen aus. Einzige Ausnahme sind Freunde, ihnen erzähle ich gerne von meinen Helden und ihren Geheimnissen - und oft kommen mir dann auch dadurch neue Einfälle.
So…Ich hoffe dieser Wall of Text erklärt ein wenig wie ich vorgehe und hilft vielleicht auch dem ein oder anderen 