Klar ist das Thema komplex und jedem steht seine Meinung zu (genau wie mir eben das Recht, diese Meinung nicht zu teilen und im Zweifelfall auch für reichlich absurd zu halten).
Aber ja, das was mich vermutlich mit am meisten stört, ist dass da gern mal selektiert wird. Bist du “weiß” (auch wenn Eller und ich ja beide schon erwähnt haben, dass die Aufteilung der Menschen in ordentlich getrennte Grüppchen anhand ihrer Hautfarbe - ob man die nun Rasse, Ethnie oder was auch immer nennt - wissenschaftlich gesehen nicht haltbar ist) bist du böse und betrachtest dich als “Ideal” der Menschheit. Wenn nicht, bist du das Opfer auf dem alle rumtrampeln.
Das ist so einfach nicht haltbar. Von jeder Hautfarbe gab und gibt es Menschen, die sich über andere stellen. Verschiedene Kulturen können ganz ähnlich aussehen und vollkommen unterschiedliche Hintergründe haben - ich finde es etwa immer ungemein irritierend, wie sich etwa Leute als “American Asian” deklarieren und dann beklagen, ihre Kultur würde angeeignet. Da frag ich mich nur, welche das bitte sein soll von den hunderten, hochgradig verschiedenen Kulturen in Asien.
Japan etwa hat eine ziemlich aggressive, expansive Vergangenheit und während der Kolonialzeit ziemlich massiv versucht, die koreanische Kultur zu verdrängen. Inklusive Pflicht-Religion und erzwungener Namensänderungen. Und das ist nicht lange her - die Kolonialisierung dauert von 1910 bis 1945. Das Verhältnis ist auch heute nicht ganz unkompliziert.
Oder China, wo die Synchronisation von “Die Geisha” gestoppt und der Film nicht gezeigt wurde, weil es für so viel Aufruhr sorgte, dass chinesische Schauspielerinnen japanische Unterhalterinnen darstellten (wenn auch eher schlecht als recht*). Gerade die Hauptdarstellerin wurde richtig angefeindet für diese Rolle. In Japan gab es auch Proteste, aber soweit ich weiß wurde der Film dennoch gezeigt und es bezog sich immerhin auf ihre eigene Kultur. Auch dort ist das Verhältnis immer noch schwierig, was u.a. auf die Kriegsverbrechen Japans zurück geht, wo etwa chinesische Frauen (und auch andere) in Kriegsbordellen zwangsprostituiert wurden. Oder Menschenversuche. Beides im 2. Weltkrieg.
Das kann man nicht zusammen würfeln und sagen, dass die alle von bösen “Weißen” unterdrückt wurden und werden.
Wer hingegen massiv unterdrückt wurde, waren… Iren. Ja, die, die kaum “weißer” sein könnten. Gibt es übrigens auch ganz viele fiese negative Stereotype, über die sich die Welt amüsiert und die zumindest indirekt als Fest am St. Patrick’s Day zelebriert werden. “Ständig betrunken”, kommt bekannt vor? Und das “typische Aussehen” (keiner der Iren, die ich kenn, sieht tatsächlich so aus) mit roten Haaren und Sommersprossen wird auch häufig für Witze genutzt oder als Anlass für Mobbing genommen.
Oder Sklavenhandel. Gabs auch auf dem Mittelmeer. Da wurden Europäer entweder von gekaperten Schiffen oder gleich aus ihren Heimatgebieten entführt und nach Nordafrika gebracht. Wobei die Händler nicht nur Araber und Türken waren, sondern bspw. auch Italiener wohl ziemlich eifrig waren, Slawen nach Ägypten zu verkaufen.
Beim bekannteren Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika hingegen wurden die afrikanischen Sklaven in Westafrika von lokalen Sklavenhändlern gekauft, ehe man sie nach Amerika transportierte. Es dürfte schwer sein, dort genaue Fakten zu finden, aber ich vermute mal schwer, dass der Großteil dieser lokalen Händler ziemlich genau der gleichen Ethnie angehörte wie die von ihnen verkauften Menschen. Genau wie es auch in den USA Sklavenhalter verschiedenster Hautfarben gab.
Übrigens war Mauretanien das letzte Land der Welt, das Sklaverei abschaffte - dafür gleich mehrfach seit 1980, zuletzt 2007, und mit konstant wenig Erfolg. Bis heute hat es Schätzungen zufolge den höchsten Anteil von Sklaven an der Gesamtbevölkerung der Welt. Dabei diesen sie zwar den “weißen Mauren”, aber diese sind nach unserem Verständnis ebenso wenig “weiß” wie Wikinger mit dem Beinamen “der Schwarze” Afrikaner waren. Bei den weißen Mauren handelt es sich um eine arabisch-berbischstämmige Volksgruppe.
Viel Text, eine Aussage… Hautfarbe sagt nix aus. Ja, es gibt Einzelpersonen und Gruppierungen, die andere systematisch unterdrücken und auf sie herab sehen und da soll man auch kritisch sein. Aber davon ist vollkommen unabhängig, wie viel Sonne deine Vorfahren ausgesetzt waren und wie sich das auf das Melanin in ihrer Haut ausgewirkt hat.
Im Gegenteil, ich finde es absolut fahrlässig, Leute in so breite Gruppen zusammen zu werfen, nur weil sie durch geographische Nähe eben nen ähnlichen Teint haben und alle Unterschiede, egal wie gravierend, über den Haufen zu bügeln nur weil sie halt irgendwie ähnlich aussehen.
Es mag sein, dass ein Amerikaner, dessen Großeltern aus Japan kamen, heute eine sehr ähnliche Erfahrung wie ein Amerikaner, dessen Großeltern Koreaner oder Chinesen waren, hat, eben weil die meisten Amerikaner vermutlich die Unterschiede gar nicht erkennen können und daher in der Behandlung zusammen werfen. Aber es sind eben beides Amerikaner - deren Lebenswelt einfach eine ganz andere ist als die tatsächlicher Japaner, Koreaner und Chinesen. Ich kann schließlich auch nicht wirklich was zur heutigen Lebenssituation in Russland oder Polen sagen, nur weil Verwandte, die ich bestenfalls in Kleinkindjahren mal getroffen habe, dort aufwuchsen und ich ziemlich genau deren Teint und auch sonst viele Ähnlichkeiten hab.
Entschuldigt bitte den langen Rant, der nur lose auf einen konkreten Beitrag antwortet, aber diese Einstellung “weiß vs. nicht-weiß”, die in manchen Posts rausschimmert geht mir ungemein auf die Nerven, weil sie so viel ignoriert, was man eigentlich nicht ignorieren darf. Schon allein den Fakt, dass “weiß” eben nur in einem recht kleinen Anteil der Länder dieser Welt die dominante Gruppe ist und die zahllosen anderen Länder irgendwie… nicht besser sind.
Zum Thema “SJW als Beleidigung”… So wie ich es kenne, nennen die Leute, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen wollen, dafür aber einen eher ruhigen, konstruktiven Ton bevorzugen eher “Social Justice Activist”, während “Social Justice Warrior” vornehmlich für die Leute verwendet wird, die ziemlich schrill für eher extreme Positionen eintreten, gern auch mit einer Haltung, die alles verdammt was in ihren Augen nicht 100% makellos ist.
Für die meisten Leute, von denen ich weiß dass sie den Begriff kennen, HAT SJW daher de facto eine negative Bedeutung. Das heißt aber keineswegs, dass die Leute allgemein gegen soziale Gerechtigkeit sind. Nur eben dass sie mit dem mit SJW assozierten Vorgehen herzlich wenig anfangen können.