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Amokläufe, Folgen und was zurück bleibt...

Sollte dieses Thema wo anders hier im Forum einen besseren Platz haben, bitte verschieben. Danke.

Tränen strömen über mein Gesicht, Gedanken rasen durch meinen Kopf.

Dieses Wochenende wurde mir mal wieder schmerzlichst bewusst, wie grauenvoll diese Welt geworden ist und sie wird immer weiter so dahin siechen, wenn … ja, wenn was? Warum um alles in der Welt musste das passieren?
Ich bin geschockt, ich trauere, vllt mehr als jemals zuvor, nimmt mich dieses Massaker mit.

Kinder und Jugendliche, die “wehrlosesten” unserer Gesellschaft - abgeschlachtet, exekutiert - warum?

Das Ereignis am vergangenen Wochenende zeigt doch wieder, wie verdorben und verkommen manche in unserer Gesellschaft sind. Ich sage bewusst in UNSERER Gesellschaft, auch wenn gerade Norwegen Opfer eines so brutalen und grauenhaften Schauspiels von Gewalt geworden ist.
Denn ich sehe die Welt als eine Gesellschaft!

Warum machen Menschen solch abscheuliche Dinge, planen über Jahre / Jahrzehnte hinweg diese Massenmorde, nur um ihren Standpunkt zu verdeutlichen, oder warum?
Die Beweggründe verstehe ich nicht und werde sie auch nie verstehen.

Mir wird schlecht, wenn ich nur daran denke, wie viele Menschen solche Pläne schmieden und sie auch in die Tat umsetzen.

Noch nie zuvor hat mich ein solches Ereignis so sehr mitgenommen.
Meine Kirchengemeinde macht jedes Jahr in den Sommerferien ein Ferienlager in Norwegen - ich traue mich nicht, mir vorzustellen, was wäre, wenn meinen Freunden ein solch grauenvolles Schicksal geblüht hätte, wenn der Amokläufer nicht auf die Sozialisten sondern wegen irgendwelchen Glaubensfragen/ -ansichten … ich kann meine Gedanken kaum richtig aufschreiben, so aufgewühlt bin ich…

Tut mir leid, wenn man die oberen Absätze kaum versteht.
ich versuche jetzt etwas klarer zu schreiben…

Ich möchte gar nicht wissen, warum ein Mensch so handelt, den sein Handeln ist in sich falsch und verstößt gegen alles, was man mich gelehrt hat.
Ich finde es unerhört, dass es den Menschen so leicht gemacht wird, an Waffen und anderes ran zu kommen. Natürlich ist nicht jeder Sportschütze auch gleichzeitig ein Irrer, der in den nächsten Jahren mit seiner Waffe hunderte Menschen umbringt, jedoch glaube ich, dass es sinnvoller wäre eine Art Moral-Test einzuführen. Bei der Bundeswehr gibt es doch diese psychologischen Tests auch und wenn du eine “falsche” Antwort gibst, wissen die sofort, dass du nicht “geeignet” bist dort zu dienen. (Bsp: Glauben Sie, dass Ihre Verwandten um Sie trauern würden, wenn Sie im Irak fallen würden?)
Ich bin selbst Bogenschützin und könnte mit einem gezielten Schuss jemanden verletzen, aber meine moralischen Prinzipien verbieten es mir - ich kann es mir noch nicht mal vorstellen!

Ich glaube, dass sich nicht jeder potenzieller Amokläufer so gut verstellen kann, dass er durch so einen Test kommen würde.

Gewalt ist schließlich keine Lösung und das sollte auch so bleiben.

Was aber bewegt solche Menschen dazu genau so zu handeln, wie sie es tun?
Warum müssen unschuldige - in diesem Fall hauptsächlich Kinder und Jugendliche - sterben?
Haben diese Menschen keine Moral mehr oder sind sie gefühlstechnisch tot?

Ich würde gerne diesen Thread dafür nutzen, die Geschehnisse zu verarbeiten und darüber zu diskutieren, warum solche Dinge geschehen und welche Folgen diese Taten mit sich bringen.

Die Welt als eine Gesellschaft zu sehen, ist vielleicht keine so gute Idee, denn gerade zum Thema “Mord” gibt es genug Länder, die eine andere Einstellung dazu haben: Beispiel Ehrenmord oder Todesstrafe.
Wenn du dich in der Welt umschaust, wirst du feststellen, dass tagtäglich so ein Elend geschieht und es fast immer auch die Kinder und Unschuldigen trifft. So viele Fanatiker gibt es nämlich nicht, als dass man ein großes Medienspektakel daraus machen könnte. Darum benötigt man “Kanonenfutter”.

Das mit dem Bundeswehrbeispiel finde ich nicht so geglückt. Die schlimmsten Verbrecher sind diejenigen, die aus dem Hinterhalt zustechen. Nicht alle erwecken nach außen hin den Eindruck eines Irren.
Schaust du nach Afrika, kannst du feststellen, dass nicht wenige der Diktatoren und Gewaltherrscher, die allein Hunderttausende ihrer Landsleute auf dem Gewissen haben, einst Freiheitskämpfer gewesen sind, die sich gegen den vorherigen Diktator aufgelehnt haben. Hier im Westen schert sich kaum jemand, erst recht nicht die Medienwelt, um irgendwelche Negerkinder, von denen nicht nur eine handvoll jeden Tag stirbt.

Was manche Individuuen dazu bewegt, so zu handeln, liegt oft auf der Hand. Sie versteigern sich in ihre Utopien und scheitern an der Realität. Pauschal über den Geisteszustand von Verbrechern zu spekulieren, ist unsinnig. Macht es die Opfer wieder lebendig, wenn wir guten Gewissens behaupten können, dass der Mörder “nur” ein Geistesgestörter war?

Welche Folgen bringen diese Taten mit sich? Vermutlich ein, zwei Monate Angst. Danach geht alles wieder seinen Weg.
Ich war 2005 nach den U-Bahn-Anschlägen in London und viel hat sich damals nicht geändert. Wer spricht heute noch davon? Wer spricht heute noch von den zahlreichen Anschlägen in Spanien 2004? Oder denen von 2002? (Ich war 2002 in Spanien. Da hat sich auch nichts getan.)
Trauert “man” heute noch um die Opfer der RAF in Deutschland? Oder um die Bloody Friday 1972 in Belfast? Spricht man überhaupt noch von einem Anschlag, der in der Vergangenheit erfolgt ist?

Momentan ist Panikmache angesagt, weil der Fall aktuell ist. Bald wird anderswo ein Fanatiker irgendetwas anstellen, dann wird darüber geweint.

Momentan habe ich eher das Massaker vom Mai 2011 in Thailand im Hinterkopf, bei denen Extremisten im wahrsten Sinne des Wortes ein Blutbad in einer Familie angerichtet haben. Die Kinder wurden geköpft. Leider kann ich hier keinen Artikel verlinken, da die meisten mit ziemlich unappetitlichen Bildern gespickt sind.
Warum das “schlimmer” ist als die 90 Ermordeten in Norwegen? Weil es nicht nur Einzelpersonen sind, die durch solche Taten ihre Wünsche durchsetzen wollen. Es gibt niemanden, auf den wir mit dem Finger zeigen können: “Der war’s.”

Erstmal will ich mal sagen, dass ich ein ziemlicher Pessimist bin, der das Schlechte gern ironisch/humorig sieht. Außerdem lege ich mir manchmal Erklärungen zurecht, die etwas… seltsam sein könnten.

Also ich habe niemals vorgehabt, zum Bund zu gehen, aber bei der Frage kann ich nicht wirklich eine “richtige” oder “falsche” Anwort erkennen. “Ja.” würe ich mal sagen, weil es liebe Mitmenschen gibt, denen ich was bedeute und die um mich trauern würden? Oder soll das heißen: Ja, sie flippen allein beim Gedanken an Irak schon total aus und wollen an allen Rache üben, die mit meinem Tod zu tun hatten? “Nein.” soll das etwa heißen, dass ich so ein Mistkerl bin, dass keiner sich um mich schert? Oder soll das heißen: Nein, alle sind über die Risiken aufgeklärt und mit vollem Herzen bei mir, falls ich in Irak in Ausführung meiner Pflichten sterbe?
Solche Fragen kann man so oder so deuten und ich finds schon glatt unfair, wenn jungen optimistischen Menschen daraus ein Strick gedreht wird… Und wenn du so einen Moral-Test einführen willst, in welchem Rahmen? Für Flugschüler, weil sie ja ein Flugzeug kidnappen könnten? Für Schützen, weil die ja ein Gewehr haben? Für den Hobbykoch, weil er ja einen Schrank voll Messer hat? Und wenn man was falsches hat, wird man dann eingesperrt? Von der Polizei bespitzelt?

Ich seh es als großes Ganzes und sage mal, dass das davon kommt, dass der Mensch an der Spitze der Nahrungskette steht. Wer ist des Menschen Feind? Der Mensch.
Ab und zu gibt es eben Psychopathen, die ihr komplettes Denken in Bahnen leiten, die ein normaler Mensch nicht nachvollziehen kann. Meist haben sie für sich selber sogar eine total logische Begründung für das was sie tun. Und ich möchte mal erwähnen, dass wenn ein Killer in Deutschland verurteilt worden wäre, er womöglich mit 20 Jahren Haft entlassen werden kann, wohingegen ein Vergewaltiger schon mal 10 Jahre sitzen muss. Haha Ironie Jaja… Lebenslänglich und Todesstrafe seien abgeschafft - klasse.

Kinder und Jugendliche erwischt es wohl, weil ihr Tod “extrem” ist. Bei Raub und Entführung schnappt man sich daneben auch noch gerne ältere Leute und diese und junge Leute sind nun mal wehrloser als Erwachsene. Wenn jemand schon Aufmerksamkeit will, schlitzt er den Kind den Hals auf weil es einfach mehr Aufmerksamkeit bringt gerade wegen der Unschuld des Kindes. Es ist sozusagen ein Prestige-Motiv. Wie wenn ein Reicher eben lieber mit einem Porsche rumfährt als mit einem Käfer.

Keine Moral oder gefühlsmäßig tot sind diese Menschen bestimmt nicht. Nur definieren sie diese Dinge nicht wie andere Menschen. Für den muslimischen Bruder ist es sehr moralisch, seine Schwester umzubringen, wenn diese sich vom “wahren” Glauben abwendet, kein Kopftuch trägt und einen “Ungläubigen” heiraten will. Es ist auch sehr moralisch, wenn man um die Ehre des Mafia-Bosses zu verteidigen, einfach mal als Bande ein Restaurant mit Kugeln dursiebt, egal wer drin ist. Mit allem sind Gefühle verbunden - mal Hass, mal Wut oder Trauer. Bleibt ein Auge trocken bei dem armen Ehemann, der seine Frau in Flagranti mit einem Nebenbuhler erwischt, beide abknallt und sich dann aus Verzweiflung selber tötet und die Kinder gleich mit, damit sie nicht allein aufwachsen müssen?

Es gibt ja immer wieder Verbrechen, die aus den unterschiedlichsten Motiven passieren und bei den meisten nenne ich als Motiv einfach: Weil wir Menschen sind. Es ist menschlich anders zu sein. Es ist menschlich zu fühlen und danach zu handeln. Es ist menschlich zu hassen und es ist menschlich zu lieben. Wenn ich etwas verurteile, dann die Gründe aus welchen jemand tötet und nicht den Mörder an sich. Ich sage aber nicht, dass wir Verbrechern einen Klaps auf den Po geben, einen Lolli und gut ist. Nein. Man muss das Bewusstsein der Menschen zu- und füreinander stärken. Wenn Menschen aufgeklärter wären, würden sie nicht auf verrückte Ideen kommen, die schädlich sind. Wenn sie Andere haben, mit denen sie ihre Gefühle teilen können, müssen sie es nicht mit sich rumschleppen, bis es explodiert…
Vielleicht bin ich da auch einfach zu optimistisch.

Ich hatte mit 10 den Wunsch meine Klasse zu töten, dass ist mein Ernst.
Mein Stiefvater hatte ein Jagdgewehr das er oftmals vor meinen Augen lud.
Bis zur Einschulung war ich ein fröhliches, neugieriges Kind mit großem Interesse an der Welt und ihren Schönheiten und ohne das Wissen mitmenschlicher Bösartigkeit.
In der Hauptschule wurde ich aufs massivste von meinen Mitschülern gequält aufgrund körperlicher Gegebenheiten für die ich nichts konnte.
Ich igelte mich in mir ein, immun gegen die Außenwelt in Schmerz und Zorn gefangen. Den Frust fraß ich ganz tief in mich hinein.
Ich war ein gebrochener Mensch, eine tickende Zeitbombe.
Täglich spielte ich die Szene ab in der ich meine Peiniger “erlegte” aber ich sie zuvor im Gnade winseln ließ, sie sollten am eigenen Leib spüren was Angst und Leid bedeutet.

Ich tat es nie.

Durch Zufall stolperte ich auf etwas namens “Sailor Moon”, das lenkte meinen Frust, Zorn und Schmerz in kreative Bahnen.
Ich weiß, es klingt saudoof aber Sailor Moon rettete mich. Diese bunte Welt erschloss mir ganz neue Möglichkeiten.

Ich betone es nochmals, das waren die verzweifelten Gedanken einer damals 10jährigen. Wenn ich heute daran zurückdenke schaudert es mich. Sehr spät erst sprach ich darüber, aus Scham und das die Leute mich ablehnen könnten…

Eine Rechtfertigung/Universal-Ursache ist Mopping natürlich nicht aber es kann Gewaltfantasien denen Taten folgen begünstigen.

P.S: ein “echter” Amoklauf beschreibt eigentlich eine gewalttätige Kurzschlusshandlung, bei Leuten die sowas planen ist vorsetzlicher Mord aus dem Hinterhalt.

Ich möchte gar nicht so sehr auf dem Wie oder Warum rumreiten… Denn ich bin - im weitesten Sinne - ein Opfer. Beim Amoklauf in Winnenden 2009 waren Freunde und Bekannte von mir dabei. Der Täter - selbst auf seine eigene Weise ein Opfer - war ein Mensch, mit dem ich früher Freitags einen heben gegangen bin. Wir lernten uns durch gemeinsame Bekannte kennen und es wurde in dieser recht großen Clique zu einem festen Ritual freitags was trinken zu gehen. Irgendwann waren wir nur noch ein kleiner Kreis, bestehend aus vier, fünf Leuten. Er und ich waren fast jeden Freitag dabei. Hab ich es kommen sehen? Nein.
Am Tag des Amoklaufes war mein damaliger Freund von München auf den Weg zu mir um mit mir auf die Leipziger Buchmesse zu fahren. Meine Mutter rief mich auf dem Festnetz an und fragte mich ganz aufgelöst, ob wir schon unterwegs seien. ich erklärte ihr, was Sache ist und sie meinte, wir sollen um Gottes Willen bloß keinen mitnehmen.
Auf der Fahrt nach Leipzig kamen wir nur mit Hängen und Würgen auf die Autobahn (ich debattierte bestimmt eine viertel Stunde mit dem Polizisten, bis er meine Hotelreservierung sah und uns durchlotste) und ein Autobahnwechsel war später auch nur mit viel Glück möglich. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich weder welche Schule, noch wer der Täter war.
Als ich in Leipzig ankam und wir im Hotel eincheckten, bekam ich einen Anruf von einem derer, die mit uns Freitags im Pub saßen. Er war ein ehemaliger Lehrer, der von einem der Winnender Lehrer erfahren hatte um wen es sich handelte. Als ich den Anruf bekam, war noch nichts von dem Täter oder den Opfern in den Nachrichten. Es wurde nur immer wieder wiederholt, dass ein Jugendlicher seine Schüle gestürmt hatte und wild um sich ballerte.
Für mich blieb in diesem Moment die Welt stehen. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Einerseits wollte ich sofort wieder nach Hause, ich konnte es absolut nicht fassen. Dann dachte ich mir aber, dass ich in Leipzig wohl am Besten aufgehoben bin, weil ich dadurch fernab vom Medienrummel, den Angehörigen, Freunden und Bekannten bin. Ich machte mein Handy aus und kugelte mich ein.
Die Buchmesse lenkte mich den Tag über ab, aber abends im Hotel, wenn der Fernseher lief und die Nachrichten kamen, stürzte alles wieder über mich herein.

Als ich wieder zurück war versuchte ich erstmal zu realisieren was Sache ist. Meine Mutter empfahl mir eine Trauer- und Trauma-Therapie. Das kam mir so absurd vor, weil ich am Tag des Amoklaufs ja nicht mal in der Nähe war und eig. nur ein entferntes Opfer bin. Ich weiß noch, dass ich im ersten Jahr total übervorsichtig war. Ich nahm meine Freunde und Bekannte unter die Lupe, legte jedes Wort auf die Goldwaage. Bei Zweideutigkeiten wurde ich sofort hellhörig.

Mittlerweile habe ich die Geschichte recht gut verarbeitet. Dieses Jahr war der Amoklauf vier Jahre her. Zu den Überlebenden, die auch zu meinem Bekanntenkreis gehörten, habe ich keinen Kontakt mehr. Für sie war es unerträglich, dass ich an diesem Tag so weit weg war, ja eig. zum Spaß nach Leipzig gefahren bin, während die anderen in der Schule saßen, auf ihre Abschlussprüfungen lernten und dann der Reihe nach abgeknallt wurden. Ich verstehe ihre Haltung mittlerweile, wir grüßen uns auf der Straße, wenn wir uns sehen. Aber das war es dann auch schon.

Die Menschen in meinem Umfeld und im Umfeld der Opfer sind sensibler geworden. Sensibler für den Bekanntenkreis, für die Familie. Allerdings nicht sensibler für die anderen Katastrophen auf der Welt oder in Deutschland. Irgendwo macht sich der Gedanke breit, warum wir für andere da sein sollten, während wir im März 2009 völlig allein gelassen wurden. Die Geschichte bekommt einen schalen Beigeschmack und die Angehörigen bleiben lieber unter “ihresgleichen”.

Sehr unangenehm ist es, wenn man auf diesen Amoklauf reduziert wird. Im Lauf der letzten Jahre bin ich ein paar Mal während Vorstellungsgesprächen darauf angesprochen worden, ob ich Bekannte unter den Opfern hatte. Beim vierten Vorstellungsgespräch ging mir dann die Hutschnur hoch. Ich wollte nicht mehr diplomatisch reagieren und knallte dem Personaler um die Ohren, dass der Täter ebenfalls ein Opfer war und er zu meinem engeren Bekanntenkreis gehörte. Ich hörte danach nie wieder etwas von diesem Personaler.

Die Zeit danach war nicht immer einfach. Was bleibt? Ohnmacht, Trauer, Wut, eine seltsam stoische Angst, Hilflosigkeit gegenüber den eigenen Gefühlen - und in gewisser Weise auch eine neue Sicht auf die Dinge.
Denn ja, Tim war ebenfalls ein Opfer. Ein Opfer der Umstände, ein Ofper von Missgunst, Mobbing, Disserei, Hänseleien, ein Opfer von elterlicher Ignoranz. Ja, ich weiß, das alles gibt niemandem das Recht das Leben eines anderen Menschen auszulöschen. Aber wer hat den anderen Menschen das Recht gegeben mit einem sensiblen Jungen so umzugehen, der sich irgendwann nicht mehr anders zu helfen wusste?
Ich erfuhr im Nachhinein, dass er versucht hat um Hilfe zu bitten. Bei seinen angeblichen engsten Freunden, bei seiner Familie, sogar bei seinen Lehrern. Und keiner von ihnen hat ihm die Hand gereicht um ihn aus dem Sumpf herauszuziehen.
Es ist ein zweischneidiges Schwert, wenn man beide Seiten kennt und wenn man die Umstände der Seiten kennt. Das macht es nicht einfacher und auch nicht erträglicher.